Metropoleruhr
Emscherlandschafts Park
Wanderung über die Halde Rungenberg im Emscher Landschaftspark

Wanderung über die Halde Rungenberg im Emscher Landschaftspark

„Sie haben bestimmt Muskelkater morgen früh!“, begrüßt uns die 76-jährige Hildegard, als wir zu der Gruppe von 12 Wanderinnen und Wanderern an der Haltestelle Kampstraße in Gelsenkirchen stoßen. Sie selbst sei die Bewegung gewohnt, wandere zweimal die Woche, schnüre ihre Wanderschuhe seit 29 Jahren. Da hat sie uns tatsächlich ein bisschen was voraus. Während Hildegard die ehrenamtlich begleiteten und kostenlosen Wanderungen der Arbeiterwohlfahrt in Essen seit 14 Jahren in Anspruch nimmt, nehmen wir zum ersten Mal teil. Heute steht eine Wanderroute im Emscher Landschaftspark auf dem Programm: Die Strecke führt uns auf den Hausberg von Gelsenkirchen-Buer, die Halde Rungenberg, und endet beim Hof Holz.

Panorama von der Halde Rungenberg

Panorama von der Halde Rungenberg

Die Begrüßung der Gruppe ist genauso warm wie die heutigen Temperaturen. Es ist kaum eine Wolke am Himmel zu sehen, die Sonne zeigt sich von ihrer schönsten Seite. Die heutige Wanderung wird von Herrn Zahn begleitet, einem der Wanderleiterinnen und Wanderleiter, die freiwillig Touren für Senioren durch die Metropole Ruhr konzipieren und diese auch leiten. Bevor wir die für 3 Stunden angesetzte Wanderung antreten, werden telefonisch erst einmal ausreichend schattige Plätze auf der Terrasse des Hofes Holz gesichert. Die Aussicht auf ein gemeinsames Schlemmen in dem Café des ehemaligen Bauernhofes ist (wie das spätere Essensangebot auch) ganz nach unserem Geschmack. Aber: Eines nach dem anderen! Den kulinarischen Abschluss müssen wir uns ja erst verdienen! Mit Sonnencreme auf den Nasen, Rucksäcken auf den Schultern und Hüten auf den Köpfen setzt sich unser munteres Trüppchen in Bewegung.

AWO Wandergruppe

AWO Wandergruppe

Und es dauert nicht lange, da tauchen wir ein, in die wunderbar grüne Landschaft des Naherholungsgebietes der Halde Rungenberg. Es ist in der Tat, als nähme man sich einen Tag lang eine Auszeit von den lebhaften Großstädten der Metropole Ruhr, um in den Idyllen des Emscher Landschaftsparks zu entspannen. Urlaubsstimmung kommt auf. Frau Zahn, die ihren Ehemann gern auf dessen Touren begleitet, deutet auf eine leicht verwitterte Holzbank am Wegesrand: „Da kommt man sich vor wie im Allgäu!“, sagt sie – eine Aussage, der wir nur zustimmen können. Es wächst aber auch „Sanddorn, wie an der Nordsee“, schwärmt Frau Zahn. Man merke: Ein Besuch des Emscher Landschaftsparks und eine Wanderung durch dessen Industrienatur fühlt sich wie Urlaub an, ob im Norden oder Süden Deutschlands. Unter die grüne Landschaft mischen sich dann aber jene Elemente, die die Einzigartigkeit der Region zwischen Duisburg und Bönen ausmachen, da sie auf die ehemalige industrielle Nutzung hinweisen: Die Industriekultur.

Zeche Hugo

Zeche Hugo

Wir passieren die Zeche Hugo, ein Bergwerk, das mit seiner späten Schließung im Jahre 2000 das Zechensterben überdauert hat. Wenig später, der Aufstieg auf die Halde ist zur Hälfte geschafft, schauen wir auf die Dächer der Siedlung Schüngelberg hinab, die unter Denkmalschutz steht. Herr Zahn erzählt uns, dass der Bau der Wohnhäuser für die Beschäftigten der nahen Zeche Hugo im ersten Weltkrieg stagnierte und die Bauten schwarz gefärbt wurden, damit sie keine leichten Ziele für Kriegsflugzeuge darstellten. Im Zuge der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park wurde die Siedlung saniert und in neuem Stile weitergebaut. Während wir über das Leben in Bergbausiedlungen sinnieren, erzählt uns ein Wanderer von seiner Arbeit auf der Zeche Neumühl in Duisburg. Dort war er 9 Jahre lang tätig und findet es jetzt spannend zu sehen, wie die ehemaligen Industrieflächen neu genutzt werden, beispielsweise zum Klettern oder Tauchen wie im Landschaftspark Duisburg-Nord. Dort sei er vor ein paar Tagen gewesen, um sich die 14,15 Meter hohe Riesen-Sandburg anzuschauen, die dort zwecks eines Weltrekordversuchs errichtet worden ist. Genau wie Wanderfreundin Hildegard finden wir die AWO Touren „schön und lehrreich“ zugleich – man profitiert nicht nur von den Erlebnisorten des Emscher Landschaftsparks und den interessanten Erzählungen Herrn Zahns, sondern auch von der Gemeinschaft der Wandergruppe. Beim Anblick von Halden und Fördertürmen werden bei vielen von ihnen Erinnerungen wach, die sie lebhaft erzählen. Außerdem sorgt man füreinander. Die Gruppe ist so schnell wie der oder die Langsamste, keiner wird allein gelassen. „Hast du genug Wasser dabei?“, wird gefragt. Dieses harmonische Miteinander soll später am Fuße der Halde Rungenberg seinen Höhepunkt in der Großzügigkeit von Herr Zahn finden, der uns mit frischen, süßen Feigen aus eigenem Gartenanbau überrascht und mit der Gruppe teilt.

Kunstinstallation: Nachtzeichen

Kunstinstallation: Nachtzeichen

Zuvor erreichen wir die Ebene des Schienenplateaus, eines der beiden Kunstwerke von Hermann EsRichter und Klaus Noculak auf der Halde Rungenberg. Von dieser Höhe und bei diesem Wetter haben wir eine hervorragende Sicht auf das Horizontobservatorium auf der Halde Hoheward und auf das Tetraeder auf der Halde Beckstraße. Außerdem gut zu erkennen: Die Herkules-Statue auf dem Nordsternturm im Nordsternpark Gelsenkirchen. Die Sicht reicht sogar bis zum Florianturm in Dortmund. Wir steigen noch höher auf die Halde Rungenberg und stapfen wagemutig den aufgeschütteten Abraum hinauf, der das zweite Werk der soeben genannten Künstler beherbergt: Zwei Spiegelscheinwerfer, deren gekreuzte Lichtstrahlen bei Dunkelheit die Form des Gipfels vollenden, bilden die Lichtinstallation Nachtzeichen. Auch Hildegard gehört zu den Mutigen. Während wir zusammen die phänomenale Aussicht auf den Emscher Landschaftspark und die Metropole Ruhr genießen, erzählt sie uns, wie sie gelernt hat, die Region zu lieben. In Essen geboren, aber in Bayern aufgewachsen, sei sie erst mit 18 Jahren wieder zurück in das damals noch sehr graue Ruhrgebiet gekommen. Durch ihre Zeit in Süddeutschland habe sie die Region, deren Reichtum und Vielfalt und deren Wandlung „viel intensiver wahrgenommen“.

An Intensität mangelt es unseren heutigen Eindrücken nicht. Wir tun nicht nur etwas für unsere Fitness und verwöhnen unser Auge – Herr Zahn reicht uns auch noch ein Stück Kohle, ein kostenloses Souvenir der hiesigen Industriekultur und Industrienatur. Unser Wanderleiter ist der Natur sehr verbunden und begeistert uns mit seinem botanischen Wissen und seiner Leidenschaft für die hier wachsenden Pflanzen: Von Holunder und Sanddorn über Hopfen bis zu Feigen und Kiwis sind rund um die Halde Rungenberg viele Überraschungen zu finden. Herr Zahn lädt uns ein, vor Ort die Beeren der unterschiedlichen Sträucher zu kosten. Das ruft uns unser eigentliches Ziel wieder in Erinnerung: Der Hof Holz!

Kirschstreusel vom Hof Holz

Kirschstreusel vom Hof Holz

Wir betreten das schöne Hofgelände und machen es uns gemeinsam in dem schönen Innenhof gemütlich. Das Stück Kirschstreusel aus der Hofbackstube haben wir uns nach der Wanderung redlich verdient. Während wir das fruchtig-süße Kuchenstück Gabel für Gabel genießen, sind wir glücklich – durch und durch. Glücklich, Teil dieser herzlichen Wandergruppe gewesen zu sein; glücklich, zu den Bewohnerinnen und Bewohnern der Metropole Ruhr zu gehören; glücklich, Erfahrungen, wie die heutigen, vor der eigenen Tür machen zu können. Um es abschließend mit Hildegards Worten zu sagen: „Du musst im Leben nur neugierig genug sein, du musst interessiert sein“ – dann warten im Emscher Landschaftspark noch viele weiteren spannende Entdeckungen und schöne Erlebnisse.