Metropoleruhr
Emscherlandschafts Park
Von Castroper Kohle und Kelten: Halden-Hügel-Hopping im Emscher Landschaftspark

Von Castroper Kohle und Kelten: Halden-Hügel-Hopping im Emscher Landschaftspark

Habt ihr schon einmal von dem Unternehmer William Thomas Mulvany gehört? 1806 in einem Vorort von Dublin geboren, kam der Ire in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Repräsentant und Teilhaber einer Investorengruppe ins Ruhrgebiet, um sich am Steinkohlebergbau in der Region zu beteiligen. Ab 1858 kaufte er in Castrop-Rauxel eigene Grubenfelder und gründete die Zeche Erin, deren Name an seine irische Heimat erinnerte. Noch heute lassen sich im Emscher Landschaftspark viele Spuren von William Thomas Mulvany und seinem Schaffen rund um Castrop-Rauxel finden, denen wir heute auf einer spannenden Entdeckungsreise im regionalen Park der Metropole Ruhr im buchstäblichen Sinne nachgehen. Denn zu diesem Zweck haben wir uns aus den Wandertouren des „Halden-Hügel-Hoppings“ die Themenroute „Von Castroper Kohle und Kelten“ herausgesucht, die die Verbindung zwischen William Thomas Mulvany und der Bergbaugeschichte der Stadt Castrop-Rauxel sichtbar macht.

Haus Goldschmieding Castrop-Rauxel

Haus Goldschmieding
Castrop-Rauxel

Das „Halden-Hügel-Hopping“ (HHH) steht für Themen- und Bergwandern rund um das Vest Recklinghausen im nördlichen Teil der Metropole Ruhr. Es umfasst insgesamt zwölf Touren, die ihr je nach Geschmack nach Kartenausdruck, mit einem persönlichen Guide oder per digitaler Führung nachwandern könnt. Wir entscheiden uns für die digitale Variante und laden uns daher zunächst einfach und bequem das „Halden-Hügel-Navi“ als App auf unser Smartphone (kostenlos erhältlich im App Store für das Betriebssystem iOS oder bei Google Play für das Betriebssystem Android). Aus der Tourenliste suchen wir uns die Route „Von Castroper Kohle und Kelten“ heraus und erhalten zunächst eine allgemeine Übersicht über die Tour. Sie ist rund 7 km lang und damit ideal auch für ungeübte Wanderinnen und Wanderer geeignet. Startpunkt ist das Haus Goldschmieding in Castrop-Rauxel, von dem wir mit festem Schuhwerk und wetterfester Kleidung zu unserer heutigen Entdeckungsreise durch den Emscher Landschaftspark aufbrechen. Dazu schalten wir in der Online-Karte der App unsere eigene Position frei, die als blauer Punkt auf der Wegstrecke angezeigt wird. Sehr praktisch! So behalten wir jederzeit die Orientierung und verpassen keine der 11 Erzählstationen, an denen uns die Tour vorbeiführt. Die erste Station ist bereits das Haus Goldschmieding selbst. Per Signalton macht uns die App darauf aufmerksam und fragt uns, ob wir mehr zu dieser Station erfahren wollen. Selbstverständlich wollen wir! Wir klicken also auf die Bestätigung und eine Tafel mit kurzen Infos und Fotos erscheint auf unseren Displays, darunter auch ein Portrait von William Thomas Mulvany. Wir erfahren, dass der Unternehmer Haus Goldschmieding 1872 gekauft hat und nach englischer Sitte mit seiner Familie im Sommer als Landsitz nutzte. Mittlerweile befindet sich im Haus Goldschmieding ein Restaurant, das zu regionalen Spezialitäten einlädt.

Daniel Wagenblast: „Taxi Driver – Mann mit Auto“, 2006 Skulpturenpark am Haus Goldschmieding Castrop-Rauxel

Daniel Wagenblast: „Taxi Driver – Mann mit Auto“, 2006
Skulpturenpark am Haus Goldschmieding
Castrop-Rauxel

Wir setzen unsere Wanderung durch den kleinen Park rund um Haus Goldschmieding fort, der mit modernen Skulpturen ausgestattet ist. Daher meldet sich schon nach wenigen Metern erneut die App und macht uns auf die 2. Station aufmerksam, den „Taxi Driver“. Der „Taxi Driver – Mann mit Auto“ ist eine Skulptur des süddeutschen Künstlers Daniel Wagenblast, die 2006 entstanden ist. Die Skulptur spielt mit der Umkehrung der Verhältnisse und stellt die Frage: „Wer ist eigentlich Herr der Lage?“ Wir sind auf jeden Fall Herr unserer Lage und laufen weiter den gemütlichen, breiten Weg entlang, der uns nun aus dem Park hinausführt. Es geht nach rechts und anschließend stetig bergauf, bis wir zu einer Straße in einem Wohngebiet gelangen. Das Signal kündigt uns die nächsten Stationen an, die wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite erblicken: Den Hammerkopfturm der ehemaligen Zeche Erin und den Keltischen Baumkreis. Der Hammerkopfturm ist der älteste erhaltene Turm dieser Bauart und ersetzte 1929/30 das abgerissene Fördergerüst vom Eriner Schacht 3. Um ihn herum wurde 1994 im Zuge der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park ein Keltischer Baumkreis angelegt, der als Kalender und Ordnungssystem das Jahr in verschiedene Zeitabschnitte teilt. Der Kreis umfasst 40 Bäume aus 22 Arten und lehnt sich an die irische Mythologie an. An wen und was dieser Baumkreis wohl erinnern soll? Na klar: An den Unternehmer William Thomas Mulvany und an die Zeche Erin. Neben dem Hammerkopfturm befindet sich die 5. Station unserer Wandertour, das Bergbeamtenhaus, das 1902 erbaut wurde und deutlich macht, wie strategisch die Häuser der leitenden Angestellten in den Arbeitersiedlungen positioniert waren. Indem es unmittelbar an der Schachtanlage errichtet wurde, konnte der Bergbeamte praktisch rund um die Uhr Aufsicht führen. Und dabei noch sehr schick in einer großen, repräsentativen und aufwendig gestalteten Zechenwohnung wohnen.

Hammerkopfturm Zeche Erin 3 mit Keltischem Baumkreis Castrop-Rauxel

Hammerkopfturm Zeche Erin 3
mit Keltischem Baumkreis
Castrop-Rauxel

Bergbeamtenhaus am Hammerkopfturm Zeche Erin 3 Castrop-Rauxel

Bergbeamtenhaus
am Hammerkopfturm Zeche Erin 3
Castrop-Rauxel

Ein Blick auf die Online-Karte verrät uns, dass wir unseren Weg am Hammerkopfturm und Keltischen Baumkreis vorbei über die Heinrichstraße fortsetzen müssen. Nach knapp 200 Metern gelangen wir in einen Wald und wandern über zum Teil schmale und verwunschene Wege durch die Natur, begleitet von einem fröhlichen, mehrstimmigen Vogelkonzert. Wir genießen die frische Luft und den herrlichen Waldgeruch und sind bald sehr froh über unsere festen Schuhe, denn der Weg ist mitunter ein klein wenig abenteuerlich und führt mal bergauf, mal bergab, mal über einen Steg über einen kleinen Bach. Dank der App kommen wir aber zu keiner Zeit von der Route ab und werden sicher geleitet. Schließlich lichtet sich der Wald, wir laufen um eine Kurve und kommen am Regenrückhaltebecken Castrop-Rauxel an der Dorlohstraße aus. Wir überqueren die Straße und setzen unseren Weg geradeaus fort, der uns an weiten Feldern entlang führt. Dann geht es nach links und wir gelangen zur nächsten Station, dem Deininghauser Bach, der ab 1992 als Pilotprojekt des Emscherumbaus naturnah mit einer Auenlandschaft neu gestaltet wurde. Wir überqueren den Bach über eine kleine Brücke und gelangen erneut in ein Waldgebiet. Verwunschene Wege führen uns bergauf, sie sind zum Teil so schmal, dass wir nur hintereinander laufen können. Wir passieren über kleine Stege mehrere Bachläufe, bis sich schließlich unser Smartphone wieder meldet und uns die nächste Station ankündigt: den Wassertempel von Peter Strege. Der Wassertempel wurde wie der Keltische Baumkreis im Rahmen der IBA Emscher Park errichtet. In Anlehnung an einen griechischen Tempel steht er wie ein mystisches Heiligtum in einer Quelle. Gefertigt ist er aus Rohren und Kesselkalotten aus der Wasserhaltung des Bergbaus und erinnert auf diese Weise ebenfalls an den Unternehmer William Thomas Mulvany, der die sogenannte „Tübbings-Technologie“ im Ruhrgebiet einführte und damit das Grubenwasserproblem löste.

Jan Bormann: Sonnenuhr, 1993 Halde Schwerin Castrop-Rauxel

Jan Bormann: Sonnenuhr, 1993
Halde Schwerin
Castrop-Rauxel

Wir biegen nach links ab und geraten ein wenig ins Schwitzen, denn ab jetzt geht es ziemlich steil bergauf. Kein Wunder, denn wir machen ja schließlich „Halden-Hügel-Hopping“ und sind laut Online-Karte gerade dabei, die Halde Schwerin zu erklimmen. Endlich liegt das Haldentop vor uns und das Signal kündigt uns die nächste Station an: Die Sonnenuhr von Jan Bormann, künstlerisch gestaltete Landmarke der Halde Schwerin in Castrop-Rauxel, die übrigens zusammen mit der Halde Brockenscheidt in Waltrop und dem Deusenberg in Dortmund ein „Haldendreieck“ im Emscher Landschaftspark bildet. Das „Halden-Hügel-Navi“ verrät uns, das wir uns gerade auf dem höchsten Punkt der Stadt befinden, der 147 Meter über Normalnull liegt. Wir machen es uns auf einer der Sitzbänke an der Sonnenuhr bequem und lassen unseren Blick über den Emscher Landschaftspark und die Metropole Ruhr gleiten. Der Panoramaausblick auf die Industriekultur und Industrienatur ist herrlich! Infostelen verraten uns, welche Landmarken und Orte der Industriekultur wir bei klarem Wetter und guter Sicht erkennen könnten. Auf jeden Fall den Hammerkopfturm, den wir auf unserer Wanderung ja bereits kennengelernt haben. Den Deusenberg in Dortmund. Das LWL-Industriemuseum Zeche Zollern in Dortmund. Die Halde Brockenscheidt mit dem Spurwerkturm in Waltrop. Den Förderturm der ehemaligen Zeche Teutoburgia im Kunstwald Teutoburgia in Herne. Die Halde Hoheward mit dem Horizontobservatorium in Herten/Recklinghausen. Die Halde Beckstraße mit dem Tetraeder in Bottrop. Den Gasometer in Oberhausen. Na ja zugegeben, alle diese Orte erkennen wir zwar nicht, aber wir sind uns ziemlich sicher, dass wir die meisten Landmarken zumindest in der Ferne erahnen können. Jetzt wird es aber Zeit, die Landmarke vor unserer Nase genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Sonnenuhr auf der Halde Schwerin besteht aus 24 sogenannten Stundensäulen aus Edelstahl und einem Polstab, der parallel zur Erdachse ausgerichtet ist. Sie symbolisiert gleichermaßen Sonnenlicht, Zeit und Energie und macht so die Industriegeschichte erlebbar: Denn die Sonne hat bereits in Urzeiten geschienen, in denen die Wälder gewachsen sind, die im Laufe von Millionen von Jahren in der Tiefe der Erde zu Kohle und Stein gepresst worden sind. Und es ist dieselbe Sonne, die zur Zeit der Montanindustrie geschienen hat, als die Steinkohle wieder ans Tageslicht gefördert wurde und der Energiekreis sich geschlossen hat. Somit wird die Sonnenuhr zu einem mystisches Symbol einer kosmisch geregelten Weltordnung und einem Ort der Besinnung im Emscher Landschaftspark, der den Strukturwandel in der Metropole Ruhr lebendig macht.

Zielturm Naturhindernisbahn Castrop-Rauxel

Zielturm
Naturhindernisbahn
Castrop-Rauxel

Als wir wieder aufbrechen und unsere Wanderung fortsetzen, leuchtet die Sonne wie aufs Stichwort hell und strahlend am Himmel und wärmt uns auf unserem Weg zu den letzten Stationen. Nachdem uns die Route bislang nahezu ausnahmslos durch die Natur geführt hat, wandern wir nun durch die Zechensiedlung an der Halde Schwerin weiter. Wir kommen am „Haus Oestreich“ vorbei, das bereits vor über 100 Jahren als ältestes Wirtshaus der Stadt für viele Zechenarbeiter die erste Anlaufstelle nach dem Feierabend war und heute auf unserer Tour die 9. Station ist. Von hier aus geht es weiter durch die Straßen und zwar stetig bergab. Ein Blick auf die Online-Karte verrät uns, dass es nicht mehr weit ist bis zu unserem Zielpunkt. Wir biegen noch einmal rechts ab in eine „Spielstraße“, über die wir wieder auf einen gemütlichen Fußweg gelangen, der uns zur vorletzten Station führt: Den Landwehrbach. Hier sind wir am mit 84 Metern über Normalnull tiefsten Punkt unserer Wanderung angekommen, auf der wir ganz schön viele Höhenmeter überwunden haben. Wir lernen, dass der Landwehrbach viele Bäche aus den Castroper Hügeln sammelt und in die Emscher fließt. Auf seinem Weg dorthin durchfließt er übrigens auch den Erin-Park, der auf dem Gelände  der 1983 stillgelegten Zeche Erin angelegt worden ist und mit irischen Landschaftskonturen und deren schroffen Gegensätzen – ihr ahnt es bereits – ebenfalls an den Unternehmer William Thomas Mulvany erinnert. Mulvany brachte übrigens selbst ein ganz besonderes Stück Irland nach Castrop-Rauxel, indem er auf dem hügeligen Wiesengelände um seine Sommerresidenz Haus Goldschmieding eine Naturhindernisbahn errichten ließ, auf der bis 1970 Pferderennen nach irischer Art stattfanden. Diese Naturhindernisbahn, die 1971 zu einem Naherholungsgebiet ausgebaut worden ist, ist die letzte Station auf unserer Wanderroute. So laufen wir die wenigen 100 Meter vom Landwehrbach zum Park, in dem mittlerweile Teilbereiche der seit 2003 denkmalgeschützten ehemaligen Rennbahn wieder aufgearbeitet und sichtbar gemacht worden sind. Der ehemalige Zielturm der Anlage, der Fotos und Informationen zur Geschichte der Rennbahn präsentiert, ist damit heute auch unser Ziel, an dem wir unsere Entdeckungsreise durch den Emscher Landschaftspark beenden.

Falls ihr jetzt ebenfalls Lust bekommen habt, euch auf die Spurensuche rund um „Castroper Kohle und Kelten“ zu begeben, schaut einfach einmal auf der Webseite www.halden-huegel-hopping.de vorbei. Dort findet ihr alle Informationen rund um unsere heutige Wandertour sowie viele weitere spannende Routen im Emscher Landschaftspark wie „Auf dem Weg zur blauen Emscher“ (14 km) oder „Vom Blauem Kanal und Nordstern“ (10 km). Für welche Tour ihr euch auch entscheidet: Wir wünschen euch viel Spaß bei eurem nächsten Ausflug in den regionalen Park der Metropole Ruhr! :-)