Metropoleruhr
Emscherlandschafts Park
Vollmondwanderung auf der Halde Hoheward

Vollmondwanderung auf der Halde Hoheward

Bei der Vollmondwanderung auf der Halde Hoheward in Herten ergründen wir die Industrienatur unter freiem Sternenhimmel im Emscher Landschaftspark. In einer einzigartigen Atmosphäre schärfen wir unsere Sinne und lernen auf der 152 Meter hohen Berghalde in unserer Ruhrmetropole alles über Mondphasen, Zeitbestimmung und Sternenbilder.

Die Halden Hoheward und Hoppenbruch, die historische Zeche Ewald und der Stadtteilpark Recklinghausen-Hochlarmark bilden zusammen den Landschaftspark Hoheward und zugleich die größte Haldenlandschaft Europas. Auf der Grenze zwischen Herten und Recklinghausen gestaltete der Projektträger Regionalverband Ruhr das 160 Hektar große Areal zu einem Erlebnisraum für Groß und Klein mit kulturellen Veranstaltungen rund um das ehemalige Industriegelände.

Die Halde Hoheward entstand 1984 aus Schüttungen der Zeche Recklinghausen II, der Zeche Ewald und der Zeche General Blumenthal/Haard. Nach der Stilllegung des Bergwerks Ewald im Jahr 2000 und der Flächenübernahme des Regionalverbands Ruhr von der Deutschen Steinkohle AG, wurde die Halde Hoheward weitgehend ausgebaut und umgestaltet. Der von den Städten Herten, Recklinghausen und dem RVR gemeinschaftlich vereinbarte Masterplan „Neue Horizonte – Landschaftspark Emscherbruch“ verbindet die unterschiedlichen Teilräume heute zu einem vielseitigen Naherholungsgebiet im Emscher Landschaftspark mit der Halde Hoheward als Kernelement des Landschaftsumbaus. Auf drei Horizontebenen entstand hier genügend Platz für die vielfältigsten Freizeitaktivitäten, wie Fahrradfahren, Joggen und verschiedene öffentliche Führungen.

Für die Nachtwanderung bei Vollmond versammeln wir uns vor dem Besucherzentrum Hoheward und warten gespannt auf den Führungsbeginn. Das Besucherzentrum ist Anlaufstelle für alle, die sich für das Geschehen im Landschaftspark Hoheward interessieren. Hier können Führungen durch die neue Natur auf alten Brachen entlang der Route der Industriekultur, sportliche Segway-Touren und Tickets für kulturelle Veranstaltungen gebucht werden. Wer seine Entdeckungsreise in die Städte Recklinghausen und Herten ausweiten will, erhält hier ebenfalls nützliche Tipps. Auf der dunklen Zeche Ewald wird um uns herum die markante Zechenarchitektur mit vereinzelten Scheinwerfern beleuchtet und wir blicken auf die vor uns imposant aufragende Halde.

Blick auf Zeche Ewald bei Nacht

Blick auf Zeche Ewald bei Nacht

Bevor wir mit dem Haldenaufstieg beginnen, bekommen wir von unserem Guide noch einen grünen Leuchtstab überreicht, der nicht nur für die nötige Orientierung im Dunkeln sorgt, sondern auch das visuelle Erlebnis verstärken soll. An diesem kühlen Herbstabend haben wir uns in warme Jacken gehüllt und ein paar Besucher und Besucherinnen haben sogar eigene Taschenlampen mitgebracht. Wir sind startklar, um uns die Geheimnisse der Nacht näher anzuschauen und uns durch die Industrienatur zu tasten. Die erste Etappe führt uns über stählerne Treppenabschnitte zur ersten Aussichtsplattform, der Ewald Empore. Von hier aus erhalten wir, in rund 30 Metern Höhe, einen ausgezeichneten Überblick über die Zeche Ewald. Umgeben von grünem Wald wird uns die stille Schönheit der Industriebrache veranschaulicht. Dazu erfahren wir noch einiges über die Geschichte der Zeche Ewald, die im Jahre 1871 begann als 21 Gewerke, darunter der Essener Unternehmer und Namensgeber Ewald Hilger, das Bergwerk im Hertener Süden gründeten. Zeitweise gehörte sie mit über 4.000 Bergleuten zur produktivsten Zeche des Ruhrgebiets. Der Malakowturm (1888), Schacht 2 mit Schachthalle (1928) und das Doppelstrebengerüst des Zollverein- und Nordstern-Architekten Fritz Schupp über dem Zentralschacht 7 von 1955, prägen heute noch immer die Industriekultur im westlichen Ruhrgebiet. Ohne ganz oben auf der Halde angekommen zu sein, haben wir schon von hier aus vielseitige Ausblicke in alle Himmelsrichtungen. Vor allem in der vegetationslosen Zeit kann man bei Nacht einen faszinierenden Rundumblick über das von Lichtern durchzogene Ruhrgebiet bis hin zum Münsterland erhalten.

Wir wollen trotzdem weiter hinauf und bewegen uns auf der Ringpromenade, die auch als Radweg der Route der Industriekultur genutzt wird, in sanft ansteigenden Serpentinen zum nördlichen Gipfelplateau. Sportbegeisterte können natürlich auch die insgesamt 500 Stufen zur Haldenspitze wählen. Aus der städtischen Zone führen viele Wege nach oben. Ein bei Besucher*innen beliebter Zugang ist die leuchtend rote Brücke in Form eines Drachens über der Cranger Straße in Recklinghausen. Die 165 Meter lange, geschwungene Fußgänger- und Radwegbrücke in Form eines Drachenskelettes führt vom Recklinghausener Stadteilpark Hochlarmark zur Halde Hoheward und wird ebenfalls bei Nacht angestrahlt. Die Figur des Drachens wurde in Anlehnung an die sogenannten Drachenpunkte aus der Astronomie gewählt, welche die Schnittpunkte der Mondbahn mit der scheinbaren Bahn der Sonne und weiteren Planeten bezeichnen. Außerdem sind Drachenhals und –kopf zurückgewandt, so als würde der Drache aufmerksam Tag und Nacht über Brücke und Halde wachen.

Auf dem Haldendach angekommen, scheinen die Sterne für uns zum Greifen nahe. Der eisige Wind weht uns um die Ohren und die Aussicht auf die Lichter der Metropole Ruhr erzeugt eine mystische Atmosphäre. Hier befinden wir uns direkt unter den funkelnden Gestirnen und lauschen dem Guide gespannt als er uns die Sternbilder am Himmel näher erläutert. Im Laufe der Nacht verschiebt sich der Sternenhimmel als wiederkehrender Prozess, sodass man am Stand der Sterne nach Berechnungen der Sternzeit und Erdrotation die genaue Uhrzeit ablesen kann. Der Polarstern dient uns dabei als Fixpunkt. Logisch, denn das ist der einzige Stern, der sich nie bewegt und immer im Norden steht. Er bildet den Mittelpunkt der Uhr, während das Sternbild Kassiopeia den Zeiger der Uhr veranschaulicht. Kassiopeia geht in Mitteleuropa nie unter und dreht sich ständig um den Polarstern herum, genau wie ein Uhrzeiger, allerdings gegen den uns bekannten Uhrzeigersinn. Bei klarer Sicht kann man Kassiopeia leicht als Sternbild erkennen, das wie ein großes W aussieht (manchmal steht es auf dem Kopf, dann ist es entsprechend ein großes M). Bei der Nachthimmel-Lernstunde wird uns bewusst, dass die „Horizontastronomie“ schon immer für die Verarbeitung von Rohstoffen eine große Rolle spielte, denn bis zur Neuzeit waren Beobachtungsstätten und architektonische Hilfsmittel für Zeitordnungszwecke und zur Ermittlung des jährlichen Sonnen- und Mondverlaufs unverzichtbar.

Weit über die Stadtgrenzen hinaus sichtbar, erhebt sich daher als Teil der Erinnerungskultur direkt neben uns das Wahrzeichen der Halde Hoheward: das Horizontobservatorium mit seinen monumentalen Bögen. 2008 in der Mitte des Horizontplateaus errichtet, sollen die zwei großen Halbbögen den Ortsmeridian und den Himmelsäquator darstellen. Sie machen das Observatorium zu einer Landmarke im Kreuzungsbereich der Autobahnen A2 und A43. Die Struktur aus den beiden Bögen lässt sich als Modell unserer Erdkugel und ihrer Lage im Raum auffassen. Der Meridianbogen entspricht dann dem geografischen Längenkreis, auf dem die Halde Hoheward liegt, und der Äquatorbogen dem Erdäquator. Diesen mit nur zwei Kreisen minimalistisch dargestellten Globus muss man sich zur Hälfte in der Halde versenkt vorstellen. Befindet man sich im Mittelpunkt des Observatoriums, lassen sich anhand der Sonnenposition in Bezug zum Meridian und Äquatorbogen Tages- und Jahreszeit abschätzen: Vormittags steht die Sonne östlich des Meridians, nachmittags westlich von ihm. Im Sommerhalbjahr sieht man die Sonne auf ihrer täglichen Bahn oberhalb des Äquators parallel zu diesem wandern, im Winterhalbjahr darunter. Skalenteile auf den Bögen ermöglichen eine genauere Schätzung des Sonnenstandes. Innerhalb einer Stunde rückt die Sonne ein Teilstück auf ihrer Bahn vor, das dem Abstand zweier eckiger Skalenfelder auf dem Äquator entspricht. Bei Nacht leuchten die Skalenfelder des Meridian- und Äquatorbogens für einige Stunden grünlich nach, nachdem sie in der Abenddämmerung durch Bodenstrahler in der Horizontfläche aufgeladen wurden. So wie schon zuvor bei den Sonnenbeobachtungsmöglichkeiten beschrieben, lässt sich nun die Lage einer Gestirnbahn in Bezug zum Himmelsäquator abschätzen. Während unserer Nachtwanderung fordert uns das durch den Vollmond beleuchtete Horizontobservatorium also zu einer bewussten Himmelbeobachtung auf und verschafft uns, in Verbindung mit den informativen Erläuterungen unseres Guides, einen umfassenden Überblick über bedeutende Himmelsereignisse.

Als wir das Horizontobservatorium langsam umrunden, erspähen wir im Dunkeln verborgen den schwarzen Obelisk als Schattenwerfer einer großen Horizontalsonnenuhr. Das im Jahre 2005 fertiggestellte Baukunstwerk, richtet sich nach antiken Vorbildern, mit denen auch die noch heute gültigen Grundlagen unseres Kalenders geschaffen wurden. Platten mit Erläuterungen sind in den Boden eingelassen, der porös gehalten ist, damit auf der ebenen Fläche das Wasser ins Erdreich fließen kann. Wer sich noch näher mit der jahrtausendealten Art der Zeitmessung beschäftigen möchte, für den empfiehlt sich eine Rückkehr bei Tageslicht.

Blick auf das erleuchtete Ruhrgebiet von Halde Hoheward

Blick auf das erleuchtete Ruhrgebiet von Halde Hoheward

Zum Schluss genießen wir noch einmal den freien Blick vom Plateau der Halde über die Weiten des romantisch erleuchteten Ruhrgebiets, der keinen aus unserer Gruppe unbeeindruckt lässt. Von hier oben sticht uns sofort die bunt-erhellte Cranger Winterkirmes ins Auge. Der Weihnachtszauber mit Fahrgeschäften, rund 50 Händlern, Eisbahn, Märchenwald und Showbühne ist in diesem Jahr erstmalig vom 23. November bis zum 31. Dezember geöffnet und bietet abwechslungsreiche Attraktionen für große und kleine Besucher*innen. In einiger Entfernung erkennen wir außerdem den Rheinturm in Düsseldorf, den Gasometer in Oberhausen und sogar den Dortmunder Fernsehturm.

Die Industriekultur steht im Mittelpunkt des Landschaftsparks Hoheward, die eine markante Landmarke im Ruhrgebiet darstellt. Als Teil der Route der Industriekultur ist die zur Freizeit- und Kulturlandschaft umgestaltete Berghalde Hoheward ein bedeutendes Wahrzeichen in der Ruhrmetropole. Hier findet Ihr eine interessante Kombination aus Wissenschaft und Naherholung und wer Spaß am Entdecken, Wandern, Joggen oder Fahrradfahren hat kommt hier voll auf seine Kosten. Außerdem werden wir uns noch lange an den faszinierenden Panorama-Blick vom Gipfelplateau erinnern, bei dem erst die Nacht den stillgelegten Zechentürmen, Gasometern und Halden als illuminierte Lichtkunstwerke den richtigen Glanz verleiht.