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URBANATIX – Streetart und Bewegungskunst im Emscher Landschaftspark

URBANATIX – Streetart und Bewegungskunst im Emscher Landschaftspark

Industriedenkmal, moderne Montagehalle für Kunst, Kathedrale der Kultur: Die Jahrhunderthalle im Westpark Bochum ist eines der größten Festspielhäuser im Ruhrgebiet und zentraler Spielort der RuhrTriennale, dem Festival der Künste in der Metropole Ruhr. Als einer der bekanntesten Orte der Industriekultur im Emscher Landschaftspark verbindet sie Geschichte und Gegenwart, Moderne und Tradition. Als außergewöhnliche Veranstaltungsstätte mit rauem Industriecharme ist sie ein urbaner Raum der Begegnung, der verschiedene Menschen, Kulturen und Kunstformen zusammen führt.

Seit 2010 ist die Jahrhunderthalle auch Spielort einer ganz besonderen, einzigartigen Show im Emscher Landschaftspark, die mit junger urbaner Lebendigkeit verschiedene Streetart-Disziplinen und moderne internationale Artistik zu einem kraftvollen Crossover verbindet: URBANATIX. Innovative Bewegungskunst in Verbindung mit stabilen Beats und Videoperformance präsentiert intensive Impulse, Lebensfreude und Energie, die den urbanen, kollektiven Flow des Ruhrgebiets widerspiegeln und das stetige Pulsieren der Metropole Ruhr greifbar machen. Elemente von URBANATIX sind Trendsportarten und Streetart-Formate wie Parcour, Freerunning, Tanz, Tricking, Biken oder Trampo Wall, die in jeder Show zu einem Gesamtkunstwerk zusammengestellt werden. Die nächste Produktion von URBANATIX ist übrigens vom 17. – 28. November 2017 auf der Bühne der Jahrhunderthalle zu sehen.

Probe in der Trainingsstätte OPENSPACE

Probe in der Trainingsstätte OPENSPACE

Homebase von URBANATIX ist Bochum. Dort, zwischen Jahrhunderthalle und dem Kreativquartier Viktoria.Quartier, befindet sich die Trainingsstätte OPENSPACE, die vom Tanz über Parcour und Biken bis zum Tricking viel Raum und Infrastruktur für moderne Bewegungskunst bietet. Inspiriert von den Erfahrungen durch URBANATIX wurde die Idee geboren, mit dem OPENSPACE jungen Menschen aus ganz Nordrhein-Westfalen neue Entwicklungs- und Erfahrungsräume anzubieten. So wurde der Trainingsbetrieb erweitert und für interessierte Jugendliche geöffnet, die Spaß und Freude an moderner Bewegungskunst und urbaner Street-Artistik haben, jedoch nicht Teil der URBANATIX-Show sind. Möglich machte dies der gemeinnützige Verein „OPENSPACE – Streetart und moderne Bewegungskunst e.V.“, der 2014 gegründet wurde und  als freier Träger der Jugendhilfe OPENSPACE finanziert und trägt. Als Trainingshalle von URBANATIX und offene, kostenlose Trainingsstätte für Jugendliche bietet OPENSPACE so einen außergewöhnlichen Ort der Zusammenkunft, des kreativen Austauschs, des gegenseitigen Lehren und Lernens und des respektvollen Miteinanders in der Metropole Ruhr. Jugendliche aus ganz NRW trainieren mit internationalen Profis sowie URBANATIX Akteuren in einer Location zusammen, jeder lernt hier von jedem und die Grenzen verschwimmen.

Um ein wenig mehr über das spannende Projekt URBANATIX zu erfahren, haben wir uns mit Christian Eggert getroffen, Geschäftsführer und Inhaber der Agentur DACAPO, die die Idee zu der Streetart-Show entwickelte und die jährlichen Show-Produktionen umsetzt.

7 Fragen an Christian Eggert, Geschäftsführer und Inhaber Agentur DACAPO, Projektleitung & Regie URBANATIX

1. Wie kam es zu der Idee, junge Streetart-Talente aus der Metropole Ruhr mit der internationalen Artistenszene für eine Show zusammenzubringen?

Urbanatix

Akteure bei der “Drop the beat” Show 2016

 URBANATIX ist im Rahmen von RUHR.2010 gestartet. Als wir erfahren haben, dass das Ruhrgebiet mit dem Flaggschiff Essen 2010 Kulturhauptstadt Europas   wird, haben wir uns gefragt, auf welche Art und Weise wir uns daran beteiligen können. Da wir bereits in ganz Europa vielfältige Erfahrungen im Showbereich mit Artisten   aus der ganzen Welt gesammelt hatten, lag es nahe, ein Showformat umzusetzen, aber nicht irgendein Showformat, sondern gezielt aus dem Bereich Streetart, Parcour,  Bikerszene. Dieser Bereich mit dem Prinzip „Each one teach one (Jeder bringt jedem etwas bei)“ hat uns immer besonders interessiert, außerdem gab es eine derartige  Show bis dahin noch nicht auf einer großen Bühne. Spannend dabei war vor allem der Gedanke, etwas mit Menschen aus der Region zusammen zu erarbeiten, also ein  Projekt umzusetzen, das konkret mit den Menschen zu tun hat, die hier im Ruhrgebiet leben. Zwar sind wir mit unserer Idee bei der RUHR.2010 GmbH als Projekt für  die Kulturhauptstadt leider abgelehnt worden, konnten aber über die Stadt Bochum als kommunales Projekt aufgenommen und gefördert werden. So konnten wir URBANATIX schließlich mithilfe von zusätzlichen Eigenleistungen, einer großen Mobilisierungsinitiative und eines breiten engagierten Netzwerks im Ruhrgebiet umsetzen. Jugendliche zu finden, die sich beteiligen wollten, war kein einfacher Weg war, da wir erst einmal in die Szene, in die sogenannten Peergroups eintauchen mussten. Wir haben Kontakt zu Parcourläufern und Bikern aufgenommen, ihnen unser Vorhaben erklärt und haben auf diese Weise schließlich viele Jugendliche gefunden, die mitmachen wollten. Und mit denen haben wir dann angefangen, eine Show zu erarbeiten.

2. Welches Konzept, welcher künstlerische Ansatz wurden verfolgt, um die Show zu verwirklichen?

Die Show ist so konzipiert, dass wir zusammen mit unseren jungen Menschen etwas erarbeiten und dazu internationale Weltklasseartisten kommen, die gut zu uns passen, weil sie einen Urban Style oder einfach mehr zu erzählen haben als eine klassische Trapezkünstlerin im Glitzerkostüm, die nach jedem Trick lächelnd die Applauspose macht. Die Show selbst wird in einem multimedialen Bühnenkleid präsentiert, d.h. es wird viel mit Videoprojektionen gearbeitet, zum Teil interaktiv, um für die Geschichte und die Künstler immer ein Setting zu haben. Da muss alles ineinander greifen, daher haben wir immer ganz speziell Künstler und Kooperationen gesucht, die zum Projekt passen. URBANATIX ist eine Mischung aus Streetartisten, die zum Teil Amateure, zum Teil Halbprofis sind. Tänzer sind meist professionell, teilweise unterrichten sie auch, während Parcourläufer und Biker in der Regel ihre Kunst als Hobby betreiben, wobei einige der Biker von URBANATIX auch international auf Contents mitfahren. Mit dabei sind auch von jeher Künstler der Disziplin Trampo Wall, bei der ein Trampolin vor einer Wand steht und die Künstler in Verbindung mit Trampolinsprüngen an der Wand entlang laufen, Saltos machen und sich immer wieder hochflippen. Hierbei gab es von Anfang an eine Kooperation mit dem Kanadier Hugo Noël, der die Disziplin entwickelt hat. Der ist einfach ins Ruhrgebiet gekommen und hat es unseren Jugendlichen beigebracht.

3. URBANATIX ist eng mit der Jahrhunderthalle im Westpark Bochum verbunden. Wie kam es zu der Verbindung mit diesem Standort des Emscher Landschaftsparks?

Für uns war von Anfang an klar: Wenn wir das Projekt URBANATIX machen, dann wollen wir in die Jahrhunderthalle in Bochum. Weil die Halle einfach perfekt ist, ein urbaner Raum mit allem, was man für ein solches Showkonzept braucht, mit der Höhe, mit den Dimensionen und vor allem mit ihrem puren Industriecharme. Es gibt kaum einen vergleichbareren Ort in der Metropole Ruhr, wo man die Show hätte machen können, abgesehen vielleicht vom Landschaftspark Duisburg-Nord, doch der Industriecharme und die Infrastruktur der Gebläsehalle dort hat unseren Vorstellungen nicht entsprochen. Wir sind daher von Anfang an auf die Betreiber der Jahrhunderthalle zugegangen, haben sie von unserem Projekt überzeugt und sind mit offenen Armen empfangen worden, weil sie ebenfalls Feuer und Flamme für das Projekt waren und uns sehr unterstützt haben. So sind wir von Anfang an mit der Show in die Jahrhunderthalle als Festspielhaus gegangen.

4. Initiiert von URBANATIX gibt es seit Juni 2015 mit dem OPENSPACE eine offene Trainingsstätte für Jugendliche für den Bereich Streetart. Was bietet OPENSPACE an? Wer kann dort trainieren?

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Trainingsstätte OPENSPACE

Der OPENSPACE ist nach der Marienkirche in der Anfangszeit die neue Trainingshalle von URBANATIX und befindet sich in einer ehemaligen Spiegelfabrik an der Bessemer Straße. Da wir solch eine positive Resonanz auf unser Projekt URBANATIX erhielten, wurde er 2015 mithilfe des Vereins „OPENSPACE – Streetart und moderne Bewegungskunst e.V.“ als freiem Träger der Jugendhilfe für weitere Jugendliche geöffnet, um den Trainingsbetrieb auszuweiten. Der OPENSPACE ist zugänglich für alle Jugendlichen, d.h. jeder aus dem Ruhrgebiet und darüber hinaus kann einfach dort hinkommen und trainieren, was sehr gut angenommen wird. Grundregel ist: Ich muss mich bewegen! Einfach nur rumhängen und gucken ist nicht gestattet. Seit Juni 2015 sind bereits über 1.600 neue Jugendliche aus einem Radius von 100 km hinzugekommen, die gar nichts mit URBANATIX zu tun haben, sondern den OPENSPACE einfach als Trainingsort nutzen. Der Ort ist bundesweit, wenn nicht sogar in ganz Europa einzigartig. Zum einen können die Jugendlichen dort kostenlos trainieren, zum anderen versammelt der OPENSPACE verschiedene Disziplinen an einem einzigen Ort. Er hat eine Bikerlandschaft, wo die Biker durch die Luft fliegen können, er hat eine Tanzfläche, einen Tricking-Bereich, Parcour, eine Trampo Wall, Hängepunkte für Luftartistik, er bietet also einen Ort, an dem verschiedene Jugendgruppen zusammenkommen, die sich sonst woanders in Kleingruppen getroffen haben, wie die Parcourläufer beispielsweise im Landschaftspark Duisburg-Nord. Der OPENSPACE ist eben der Ort, wo alles zusammenkommt: Er ist zum einen die Homebase von URBANATIX, zum anderen ein Ort für junge Menschen, die dort nach dem Konzept „Each one teach one“ trainieren, d.h. jeder lernt dort von jedem. Es gibt auch eine Trainingsstruktur, dass jeden Tag Trainer vor Ort sind und Workshops in jeder Disziplin anbieten, aber im Prinzip kann jeder alles ausprobieren, was es dort an Angeboten gibt. Das ist sehr interessant, da so ein Tänzer auch schon mal anfängt, Parcour zu laufen oder ein Biker anfängt zu tanzen, was dann wiederum übergreifende Szenen für die Show entstehen lässt. Die Tendenz von Jugendlichen ist es ja eigentlich, eine kleine Gruppe zu bilden, die sich über Interessen, über Musik, über Sport, über Tanz o.ä. definiert, aber im OPENSPACE treffen Jugendliche verschiedener Hautfarben, Kulturen oder Nationen aus unterschiedlichen Gruppen aufeinander, lernen sich kennen, inspirieren sich gegenseitig und entwickeln zusammen neue Ideen. Sprachbarrieren spielen keine Rolle, es geht um körperlichen Ausdruck, um Respekt voreinander und einen sozialen Umgang miteinander, das sind die Grundfeste, auf denen alles steht. Mittlerweile hat sich der OPENSPACE nicht nur zu einer regionalen Anlaufstelle in Bochum und dem Ruhrgebiet, sondern auch zu einer internationalen Anlaufstelle für Streetartisten entwickelt, denn ein offener Trainingsbereich, der so viele Disziplinen zusammenführt, ist weltweit nahezu einzigartig.

5. Gibt es abgesehen von der Jahrhunderthalle im Westpark Bochum weitere Verbindungen zu Standorten des Emscher Landschaftsparks?

Man muss klar sagen: Das Festspielhaus von URBANATIX in der Metropole Ruhr ist einfach die Jahrhunderthalle. Das hat uns an dem Ort auch sehr gereizt, zu sagen: Da wo sonst die RuhrTriennale stattfindet und die Bochumer Symphoniker spielen, kommen jetzt Hip-Hop-Tänzer, Parcourläufer und Biker, die durch die Luft fliegen, hin. Das war von vornherein entscheidend für den Plan, dass URBANATIX eine Kraft an diesem Ort Jahrhunderthalle entwickelt, passender Weise in der Kraftzentrale der Jahrhunderthalle. Und das merkt man, da spielt alles zusammen. Die Besucher, die zu den Shows kommen, kommen nicht nur wegen URBANATIX, sondern auch wegen der Halle, wegen des besonderen Ortes der Industriekultur. URBANATIX hat aber natürlich auch bereits andere Orte im Emscher Landschaftspark bespielt, beispielsweise den Westpark Bochum und den Nordsternpark Gelsenkirchen im Rahmen der ExtraSchicht, der Nacht der Industriekultur.

6. Betrifft das Projekt URBANATIX allein die Bochumer Szene? Oder ist das Projekt auch mit anderen lokalen Szenen oder Kommunen verbunden?

Biker bei der "Drop the beat" Show 2016

Biker bei der “Drop the beat” Show 2016

Wir sehen es so, dass URBANATIX ein Ruhrgebietsprojekt mit Base und einem regelmäßigen Spielort in Bochum ist. Das Projekt hat in der Region auf jeden Fall die Sinne in Kommunen und Institutionen dafür geschärft, wie man Jugendliche anspricht, wie man ihnen Möglichkeiten in Form von Bikeranlagen oder Tanzräumen bietet, die vielleicht städtisch betrieben sind. Da gibt es auf jeden Fall gegenseitige Inspiration und Vernetzung, auch unter den verschiedenen Künstlerinitiativen, wie zum Beispiel zu pottporus e.V. in Herne, wo sich neue Kontakte und Austausch zwischen Künstlern ergeben, was zu neuer Inspiration und Synergieeffekten führt.

 7. Wird das URBANATIX-Team von Show zu Show neu durchgemischt?

Vom Originalcast der Künstler, die 2010 bei der ersten URBANATIX-Show auf der Bühne standen, sind noch 5 oder 6 Künstler dabei, d.h. das Team durchmischt sich immer wieder neu, da ist alles im Fluss. Wir haben auch schon lange kein Casting mehr gemacht, weil sich alles wie von selbst ergibt: Neue Leute werden mitgebracht, die irgendwie zu uns passen und Lust haben, Erfahrungen bei URBANATIX zu machen, die werden dann einfach integriert. Manche Künstler spielen auch nur eine Show bei uns und ziehen dann wieder weiter, studieren in London oder machen irgendwas anderes. Denn junge Menschen sind natürlich häufig in einer Phase, in der sie sehr mobil und noch nicht sesshaft sind, in der sie viel ausprobieren und sich nicht auf Jahre einer Sache oder einem Projekt verpflichten. Was auf jeden Fall immer erhalten bleibt ist der Family Spirit von URBANATIX. Alle, die gehen, bleiben trotzdem irgendwie dabei und in Verbindung, kommen zu Besuch in den OPENSPACE oder zu den Shows. Für viele ist URBANATIX einfach eine unverzichtbare schöne Jugenderinnerung.