Metropoleruhr
Emscherlandschafts Park
ÜBER WASSER GEHEN: Gewässerumbau im Emscher Landschaftspark an Seseke und Zuflüssen

ÜBER WASSER GEHEN: Gewässerumbau im Emscher Landschaftspark an Seseke und Zuflüssen

Blick auf die Seseke mit Seseke-Weg Seseke-Gebiet Bergkamen

Blick auf die Seseke mit Seseke-Weg
Seseke-Gebiet
Bergkamen

Heute steht bei uns ein Ausstellungsbesuch im Emscher Landschaftspark auf dem Programm! Und zwar einer, bei dem wir auf jeden Fall in Bewegung kommen. Denn wir erkunden heute das Seseke-Gebiet im östlichen Teil des regionalen Parks der Metropole Ruhr, das sich von Lünen über Bergkamen und Kamen bis nach Bönen erstreckt. Wie so viele Flüsse und Bäche im Emscher Landschaftspark war die Seseke bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein natürliches Gewässer. Durch Industrie und Bergbau kam es danach zu Bergsenkungen und Überschwemmungen im Ruhrgebiet, außerdem fiel – auch durch die damit verbundene Verstädterung der Region – immer mehr Schmutzwasser an. Wie in der Emscherzone wurden auch an der Lippe Flüsse und Bäche für die Entsorgung des Abwassers genutzt und die Seseke und ihre Zuflüsse zu offenen Kanälen umfunktioniert, die das Schmutzwasser schließlich jahrzehntelang aus dem industriellen Ballungsraum abführten. Dies änderte sich jedoch mit dem Niedergang des Bergbaus in den 1980er Jahren: Mit dem Seseke-Programm wurde ein umfassender Gewässerumbau in der östlichen Metropole Ruhr entwickelt, der die Seseke mit ihren Nebenläufen wieder zu einer naturnahen Flusslandschaft mit sauberem Wasser gestalten sollte. Von 1986 bis 2014 wurden daher vier moderne Kläranlagen und kilometerlange geschlossene Abwasserkanäle im ganzen Seseke-Gebiet gebaut, um das Schmutzwasser unterirdisch zu den Kläranlagen zu leiten und gereinigt wieder in die Seseke und ihre Nebenläufe fließen zu lassen. Seitdem gibt es nur noch sauberes Wasser in diesen Flüssen, die nun auch ökologisch verbessert werden konnten. Die geraden, in Betonbetten gezwängten Abwasserkanäle wurden zu naturnahen, geschwungenen Flussläufen gestaltet. Das Einsetzen von Gewächsen und Fischen regte weitere Tiere und Pflanzen an, zurückkehren und sich in dem neuen sauberen Lebensraum anzusiedeln.

Blick auf die Seseke mit Seseke-Weg Seseke-Gebiet Kamen

Blick auf die Seseke mit Seseke-Weg
Seseke-Gebiet
Kamen

Heute gehört das Seseke-Gebiet zu einer der schönsten Flusslandschaften in der Metropole Ruhr. Um diese spannende Landschaft gebührend in Szene zu setzen, wurde im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 das Projekt ÜBER WASSER GEHEN umgesetzt, das den Gewässerumbau künstlerisch begleitet und sich mit dem Wandel von Natur und Landschaft auseinandersetzt. Zahlreiche temporäre und dauerhafte Kunstwerke von verschiedenen international arbeitenden Künstlerinnen und Künstler sind rund um den Fluss entstanden und in der Outdoor-Ausstellung ÜBER WASSER GEHEN zusammengefasst. Und genau diese Ausstellung zur Kunst im Öffentlichen Raum wollen wir uns heute anschauen. Das können wir bequem mit dem Fahrrad machen, denn im Zuge des Gewässerumbaus ist auch ein neuer, attraktiver Panoramaweg entstanden: Der Seseke-Weg. Auf einer Länge von rund 25 Kilometer führt er von Lünen bis Bönen zum größten Teil direkt an der Seseke und an vielen der Kunstwerke entlang und eröffnet spannende Ausblicke auf die einzelnen Schritte des Gewässerumbaus und die neue naturnahe urbane Flusslandschaft im Emscher Landschaftspark.

Diemut Schilling: Hogarth’s Dream Ausstellung ÜBER WASSER GEHEN Seseke-Gebiet Lünen

Diemut Schilling: Hogarth’s Dream
Ausstellung ÜBER WASSER GEHEN
Seseke-Gebiet
Lünen

Als Startpunkt unserer Entdeckungsreise durch die Ausstellung ÜBER WASSER GEHEN im Seseke-Gebiet wählen wir den Seepark Lünen, der als ehemalige Landesgartenschau mit Alleen, Seepromenaden und einer eindrucksvollen Landschaft aus Industrienatur und Industriekultur einer der vielfältigen Erlebnisorte im Emscher Landschaftspark für die ganze Familie ist. Herzstück des Seeparks Lünen ist der Horstmarer See, der im Sommer mit Sandstrand und Liegewiesen zum Schwimmen und Sonnenbaden einlädt. Der Seseke-Weg führt unmittelbar am Horstmarer Loch vorbei, mit zwölf Metern unter Geländeniveau der tiefsten Stelle des Seeparks Lünen. Hier beginnen wir unsere Radtour und starten nach Osten. Bereits nach gut einem Kilometer haben wir das erste Kunstwerk erreicht: „Hogarth’s Dream“ der Wuppertaler Bildhauerin Diemut Schilling. Eine Infotafel erklärt uns, dass die geschwungene Sitzskulptur mit dem Konzept der „Line of beauty and grace“ des englischen Malers William Hogarth auf das Lebendige und Wesenhafte der neuen Seseke verweist und einen meditativen Aufenthaltsraum an ihrem Ufer schafft. Wir nehmen also eine Weile Platz und betrachten den Fluss, der gemächlich vor sich hinfließt. Obgleich es ein kalter Novembertag ist, trüb und windig, so dass wir dicke Jacken und Schals und vorsorglich auch eine Mütze tragen, geht es hier an der Seseke tatsächlich sehr lebendig zu. Spaziergänger und Spaziergängerinnen kommen an uns vorbei, einzelne Radfahrer und Radfahrerinnen, Hundebesitzer und -besitzerinnen und sportliche Menschen, die joggen oder sich mit Nordic-Walking fit halten. Wir schwingen uns wieder aufs Rad und machen uns auf zum nächsten Kunstwerk. Es ist sehr angenehm, auf dem Seseke-Weg zu fahren. Der Panoramaradweg ist gut befestigt mit einer wassergebundenen Decke, angenehm breit und eben und verläuft nahezu vollständig abseits des Straßenverkehrs am Wasser entlang. Während der Fahrt hören wir an einigen Stellen das Wasser plätschern und rauschen, wenn die Seseke an kleinen Stromschnellen zügiger fließt. Als es an weiten Feldern und herbstlichem Grün vorbei geht, entdecken wir schließlich das nächste Kunstwerk. „Line of Beauty – Das fünfte Klärwerk“, inszeniert von der Künstlerin Susanne Lorenz, nimmt ebenfalls Bezug auf William Hogarth, der eine „Line of Beauty“ als Inbegriff natürlicher Schönheit definierte. Das Werk symbolisiert die natürlich geschwungene Seseke vor der Industrialisierung und zeichnet den ehemaligen Verlauf an genau diesem Ort künstlerisch nach. Wasserpflanzen reinigen das Flusswasser als „fünftes Klärwerk“ der Seseke-Region zusätzlich. Ein Blick auf den Radweg an dieser Stelle zeigt, dass das Kunstwerk sich bis ans Ufer erstreckt: Der Weg verläuft ebenfalls geschwungen und wird gleichermaßen zum erlebbaren Symbol für den neuen Fluss. Hinter dem Kunstwerk verläuft der Radweg in einer langgestreckten, sanften Kurve nach links weiter an ausgedehnten Feldern entlang. Wir passieren eine Straße und setzen unseren Weg auf der gegenüberliegenden Straßenseite fort. Stetig fließt die Seseke an unserer Seite und begleitet uns. Mal plätschert sie laut und eilig dahin, mal bleibt sie leise und träge und scheint an einigen Stellen gar stillzustehen.

Folke Köbberling/Martin Kaltwasser: Here comes the rain again Ausstellung ÜBER WASSER GEHEN Seseke-Gebiet Kamen

Folke Köbberling/Martin Kaltwasser: Here comes the rain again
Ausstellung ÜBER WASSER GEHEN
Seseke-Gebiet
Kamen

„JETZT“! Das nächste Kunstwerk, das wir entdecken, springt uns schon von weitem ins Auge. Die Skulptur von Christian Hasucha setzt sich eindringlich mit Zeit und Veränderung auseinander, indem sie von Steingabionen gefasst die Umrisse des Wortes „Jetzt“ formt. Treffenderweise heißt sie auch „JETZT und der Fluss“. Sie verweist einerseits auf die landschaftliche Entwicklung und gibt gleichzeitig den Blick frei auf die fließende Seseke, die verrät: Das Jetzt lässt sich gar nicht bestimmen oder festhalten. Denn der Veränderungsprozess ist immer im Gang. Wir fahren in einer Kurve rechts um das Kunstwerk herum über eine Brücke, die über einen kleinen Bachlauf, den Braunebach, führt, der hier in die Seseke mündet. Die Bewegung an der frischen Luft tut gut und hält uns warm. Wir fahren gemächlich und genießen die neue urbane Flusslandschaft in vollen Zügen. Baumreihen säumen die Wegränder, die Seseke lässt sich zum Teil nur erahnen durch die Zweige. Wir kommen an Weiden vorbei, auf denen Kühe grasen und uns neugierig anschauen. Enten schwimmen munter unter uns im Fluss auf dem Wasser. Es gibt viel zu sehen unterwegs, die Landschaft ist abwechslungsreich und wunderschön. Wir entdecken immer wieder Landmarken der Metropole Ruhr wie Halden und Fördertürme, die vom Seseke-Weg aus gut sichtbar sind. Nach einem belebten Teilstück des Weges, das uns durch die Kamener Innenstadt führt, wird es wieder beschaulich. Auf unserer Fahrt an Weiden und Felder vorbei erreichen wir schließlich das Kunstwerk „Here comes the rain again“ von Folke Köbberling und Martin Kaltwasser, die Interventionen im urbanen Raum inszenieren. An der Seseke haben sie weiße Modellhäuser im Maßstab 1:10 errichtet, die sich an den Ufern des Flusses in die Landschaft einfügen. Als Motiv für idealisiertes Wohnen am Wasser verweisen sie einerseits auf idyllische Vorstellungen von exklusivem Wohnstil direkt am Fluss, andererseits auf die Schattenseite solcher Ideale angesichts der Gefahr von Überschwemmungen und Naturkatastrophen. Von hier aus sind es nur noch knapp 2 Kilometer bis zu dem letzten Kunstwerk unseres heutigen Ausstellungsbesuchs. Um dorthin zu kommen, verlassen wir die Ufer der Seseke und fahren stattdessen am Rexebach entlang, einem der Nebenläufe der Seseke. Hier hat der Künstler Bogomir Ecker die Installation „Abnehmende Aussicht“ errichtet, die mit Realität und Fiktion spielt und neue Wahrnehmungen schafft. Fünf Straßenlaternen mit roten, scheinbaren Überwachungskameras beleuchten nicht den Weg, sondern den Rexebach und werfen die Frage auf, was in der neuen Flusslandschaft künstlich und was natürlich ist.

Bogomir Ecker: Abnehmende Aussicht Ausstellung ÜBER WASSER GEHEN Seseke-Gebiet Bönen

Bogomir Ecker: Abnehmende Aussicht
Ausstellung ÜBER WASSER GEHEN
Seseke-Gebiet
Bönen

Unsere entspannte, herbstliche Radtour im Emscher Landschaftspark geht an dieser Stelle zu Ende und wir freuen uns auf eine wärmende heiße Schokolade im nächsten Café. Habt ihr ebenfalls Lust auf den Ausstellungsbesuch ÜBER WASSER GEHEN bekommen? Dann schwingt euch einfach aufs Rad und fahrt los! Der Seseke-Weg ist in Lünen mit dem Emscher Park Radweg und dem Fernradweg Römer-Lippe-Route verbunden und durchgehend mit einem grün-weißes Piktogramm ausgeschildert. Er ist für ungeübte und gelegentliche Radlerinnen und Radler sehr gut geeignet und lässt sich auch als Familie mit Kindern hervorragend fahren. Unterwegs gibt es immer wieder Rastplätze mit Sitzbänken, an denen man gemütlich eine Pause einlegen kann. Den Streckenverlauf des Seseke-Weges, je nach Geschmack als Online-Karte oder GPX-Track zum Download, findet ihr unter: www.seseke-weg.de

Wir wünschen viel Spaß und eine spannende Entdeckungsreise durch den Emscher Landschaftspark! :-)