Metropoleruhr
Emscherlandschafts Park
Truck Tracks Ruhr im Emscher Landschaftspark

Truck Tracks Ruhr im Emscher Landschaftspark

Eine Menschentraube tummelt sich auf dem Vorplatz des Lehmbruck Museums in Duisburg. Heute Abend geht es allerdings nicht um die Ausstellungen im Museum, sondern um die Stadt Duisburg, die zum Kunstraum stilisiert wird. Sie ist eine von sieben Regionen der Metropole Ruhr, die im Rahmen der Urbane Künste Ruhr Produktion Truck Tracks Ruhr zum Ausstellungsobjekt wird. Nach einem Konzept von Rimini Protokoll schaffen die Städte, die Landmarken des Emscher Landschaftsparks beherbergen, nacheinander Raum für künstlerisch vertonte Orte und wandeln sich vor den Augen der Zuschauerinnen und Zuschauer in neu erfahrbare Szenerien.

Zuschauerraum des Truck

Zuschauerraum des Trucks

Kurz vor 18 Uhr kommt der Zuschauerraum angefahren. Es ist ein umgebauter Lastwagen mit einer riesigen, verglasten Seitenfront, der auf uns zurollt. Dieser Anblick ist schon spektakulär genug und lässt unsere Vorfreude auf das Kommende wachsen. Denn so ganz wissen wir noch nicht, was uns erwartet. Der Produktionsleiter, der uns den Abend über begleitet und in die Aktion einführt, lädt uns dazu ein, selbst zu entscheiden, als was wir Truck Tracks Ruhr erleben: „Als Theatererfahrung, vielleicht auch als Performance, vielleicht auch als Installation“. Um uns auf die weitläufige Region Duisburg einzulassen, müssen wir uns zunächst in den engen und dunklen LKW begeben. Zugegeben: Modelbeine können hier nicht in voller Länge ausgestreckt werden. Als die Tour beginnt, ist die Enge allerdings schnell vergessen.

Wir schnallen uns an und der Truck setzt sich in Bewegung. Vor den Fenstern sind Leinwände herunter gelassen, auf die ein Video projiziert wird. Es zeigt das Lehmbruck Museum, das aus der Sicht gleitet und erst Bäumen, dann der Straße weicht. Untermalt wird die gesamte Fahrt mit Klängen elektronischer Musik: Das Roadmovie beginnt. Im Video, das die Situation vor den verschlossenen Fenstern simuliert, fliegen die Passanten in ihrem Alltag an uns vorbei. Sie kramen in Handtaschen, hetzen über Ampeln, halten ihr Gesicht in die Abendsonne. Das Bild der Umgebung dort draußen verblasst schließlich zu einer weißen Fläche und eine Schrift erscheint: „The Scale of Intensity“ ist zu lesen. Es ist die erste von sieben Perspektiven, die das Album Duisburg strukturieren. Die erste Perspektive hat der Künstler Ant Hampton entwickelt. Die Leinwände fahren hoch und vor uns erstreckt sich der Duisburger Innenhafen. Ein Tribünenraum ist im Vordergrund zu sehen, auf der anderen Uferseite erkennen wir den Garten der Erinnerung. Es scheint, als blickten wir in einen leeren Theatersaal mit Bühne, während aus den Lautsprechern unseres Zuschauerraumes das gleichnamige Gedicht „The Scale of Intensity“ von Don Paterson erklingt. In zwölf Stufen wird die Intensität stetig wachsender Umweltbelastung beschrieben, bis hin zum „Damage total. Movement of hour hand perceptible. Large rack displaced. Sea white.“ Die Leinwände bleiben oben, wir überqueren die Schwanentorbrücke und passieren das Rathaus – auch unser Truck Tracks Ruhr-Erlebnis gewinnt zunehmend an Intensität. Das von Sonya Schönberger inszenierte Arrangement „Die gestaltlose Masse“ setzt uns mitten in einer Einkaufsstraße den neugierigen Blicken der Fußgänger aus, die wir ebenfalls aufmerksam betrachten. Durch die Glasscheibe voneinander getrennt, denken wir, angeregt durch die Worte in unseren Ohren, über die „Angst vor Berührung“ nach und wie diese Furcht unsere Bewegungen im öffentlichen Raum diktiert. Im LKW einander berührend, bilden wir gemeinsam eine Einheit, die auch Standorte des Emscher Landschaftspark ansteuert. Unter die elektronische Musik mischen sich die Klänge von Violinen, als wir an der Deutschen Oper am Rhein vorbeifahren. Die Sinne harmonieren in den Momenten hochgefahrener Leinwände, in denen wir die Metropole Ruhr betrachten und erforschen.

Album Duisburg

Album Duisburg

Durch Anna Kpok mit „Werkstor“ und Davy Pieters mit „Document of the Now“ setzen wir uns mit der Geschichte und Entwicklung des Ruhrgebiets auseinander: Letztere Installation bietet uns Sicht auf den Industriepark am Duisport. „Was habt ihr zuerst bemerkt? Die Natur? Den Menschen? Die Kräne oder die Bäume? Die Schienen oder das Gras?“, fragt uns eine Stimme. Was einst Ackerland war, zeigt nun die vom Menschen veränderte Umgebung, zeigt die Ressourcenverwendung, die verknüpfte Welt. Dunkelrote Kraftwerke in Duisburg-Beeck werden genauso Teil der mittlerweile dämmernden Kulisse, wie Videoaufnahmen des Sportparks Duisburg. „Without Us“ von Marcus Lindeen setzt sich mit der negativen Seite dieses Einflusses der Menschheit auf die Natur auseinander; die „Voluntary Human Extinction Movement“, die sogenannte Bewegung für das freiwillige Aussterben der Menschheit, wird vorgestellt. Kein menschliches Werk kann es mit einem Werk der Natur aufnehmen, ist hier die Meinung. Wenn wir aber unsere Blicke durch die Fensterscheibe über die Metropole Ruhr schweifen lassen, über Hochöfen, Kühltürme und Häfen, über Flüsse, Freizeitwege und Wiesen, sind wir der Meinung, dass es in punkto Kulisse die Mischung macht. Die Kombination von Industriekultur und Industrienatur ist charakteristisch für den Emscher Landschaftspark, die Farbe Grün ist genauso prominent wie die Farbe Grau. Die Vielfalt begegnet uns schon in einer einzigen Stadt, begibt man sich auf Entdeckungstour zwischen Duisburg und Bönen wird sie noch umfangreicher. „The landscape changes“ stellt auch das vorletzte Stück des Album Duisburgs fest: „Stop“ von Wojtek Ziemilski dreht sich um den ständigen Perspektivwechsel durch kontinuierlichen Wandel, während sich auch der Truck mit uns um die eigene Achse dreht. Immerfort Neues zu erleben und zu sehen kann anstrengen, gibt es aber einen Rückbezug zu Altbekanntem, können neue Blickwinkel überraschen. Uns begeistern die neuen „Blicke ins Ruhrgebiet“ (Loekenfranke), die uns durch das Projekt Truck Tracks Ruhr geboten werden. Es zeigt auf, auf welche Art und Weise die Metropole Ruhr genutzt werden kann: Unser Ziel, der Landschaftspark Duisburg-Nord, ist dafür ein Paradebeispiel. Lichtspiele, ehemalige Werkshallen, Wanderwege, Klettergärten und Gastronomie bilden eine einzigartige Parklandschaft der Industriekultur. Indem wir gemeinsam in den Landschaftspark einfahren, schaffen wir eine „Future Memory“ (Felix Meyer-Christian) von einer Umgebung, die sich unserer Präsenz und unserer Gestaltung bewusst ist. Und so treten wir nach einer kurzen Pause mit dem roten Abendhimmel vor Augen und entspannenden Klängen in den Ohren die Reise im Lastwagen zurück zum Lehmbruck Museum an – dankbar für die neuen Bilder der Region in unseren Köpfen, die wir zukünftig gern als Erinnerung abrufen werden.