Metropoleruhr
Emscherlandschafts Park
Trendsport im Emscher Landschaftspark: Parkour auf Zollverein

Trendsport im Emscher Landschaftspark: Parkour auf Zollverein

Der Emscher Landschaftspark bietet als regionaler Park der Metropole Ruhr zahlreiche Freizeitmöglichkeiten und viel Raum für Sport und Bewegung unter freiem Himmel. Neben attraktiven Panoramatrassen wie der Erzbahntrasse in Bochum oder der GRUGA-Heißen-Trasse in Essen und Mülheim, auf denen ihr nach Herzenslust „klassischer“ Bewegung wie Radfahren, Wandern oder Joggen nachgehen könnt, findet ihr im Emscher Landschaftspark viele Angebote für moderne Trendsportarten. Eines davon hält das UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen für euch bereit. Hier gibt es auf der Kokerei Zollverein neben der Mischanlage eine Parkour-Anlage, die im Oktober 2017 eröffnet worden ist. Falls ihr sie noch nicht kennt: Parkour ist eine Sportart, bei der man im Prinzip versucht, so effizient wie möglich mit seinen eigenen körperlichen Fähigkeiten von Punkt A über Hindernisse nach Punkt B zu kommen. In Videoclips oder Werbespots sieht man Parkourläuferinnen und Parkourläufer, die sogenannten Traceurinnen und Traceure, häufig dabei, wie sie sich mit unerschrockenen Sprüngen, zum Teil in schwindelerregenden Höhen, über Mauern und Dächer durch urbane Landschaften bewegen. Aber um „Höher, krasser, weiter!“ geht es bei dem Sport überhaupt nicht, sondern vielmehr um die Erfahrung der eigenen Grenzen, um Körperbeherrschung und vor allem um eine gute Einschätzung der eigenen Fähigkeiten.

Parkour-Anlage Zollverein Areal C [Kokerei], Nähe Mischanlage [C70] UNESCO-Welterbe Zollverein Essen

Parkour-Anlage Zollverein
Areal C [Kokerei], Nähe Mischanlage [C70]
UNESCO-Welterbe Zollverein
Essen

Die Anlage auf der Kokerei Zollverein ist eine der wenigen Parkour-Anlagen in der Metropole Ruhr. Sie ist ungefähr 600 m² groß und bietet mit einer Kombination aus Würfeln, Stangen und Wandflächen abwechslungsreiche Herausforderungen und Hindernisse sowohl für ungeübte Neulinge als auch für erfahrene Traceurinnen und Traceure. Eigentümerin der Anlage ist die Stiftung Zollverein, die im Rahmen des Förderprogramms „Soziale Stadt“ die Mittel für den Bau der Anlage eingeworben hat und mit dem Projekt „Zollverein mittendrin“ zusammen mit dem Jugendhilfenetzwerk der AWO, dem Jugendamt der Stadt Essen und dem Institut für Stadtteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung der Universität Duisburg-Essen (ISSAB) die Parkour-Anlage entwickelt hat.

Wir wollen uns diese Anlage im Emscher Landschaftspark heute einmal anschauen und machen uns gespannt auf den Weg nach Essen-Katernberg zur Kokerei Zollverein. Dort treffen wir Carina Hommel vom Jugendhilfenetzwerk der AWO Essen, die als Projektkoordinatorin alle Angebote und Aktivitäten auf der Parkour-Anlage auf Zollverein steuert und uns zusammen mit den beiden Parkour-Trainern Miguel Rodriguez und Tobias Zettelmeyer Rede und Antwort rund um das Thema Parkour steht.

 

7 Fragen an Carina Hommel, Projektkoordinatorin der Parkour-Anlage auf Zollverein vom Jugendhilfenetzwerk der AWO Essen, und die Parkour-Trainer Miguel Rodriguez und Tobias Zettelmeyer

1) Wie ist die Idee zu einer Parkour-Anlage auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein entstanden?

Parkour-Anlage Zollverein Areal C [Kokerei], Nähe Mischanlage [C70] UNESCO-Welterbe Zollverein Essen

Parkour-Anlage Zollverein
Areal C [Kokerei], Nähe Mischanlage [C70]
UNESCO-Welterbe Zollverein
Essen

Carina: Der Bau der Parkour-Anlage ist aus dem Beteiligungsprojekt „Jugendforum Zollverein“ hervorgegangen, das im Essener Stadtbezirk VI, also in den Stadtteilen Katernberg, Stoppenberg und Schonnebeck, initiiert wurde, um partizipative Jugendarbeit zu leisten. Bedeutet, man trifft sich gemeinsam mit den Jugendlichen vor Ort und fragt sie: Was möchtet ihr selbst gern im Stadtteil verändern? Wofür möchtet ihr euch einsetzen? Und beim ersten Treffen in 2014 hat sich eine Gruppe Jugendlicher gewünscht: Wir hätten gern eine Parkour-Anlage auf Zollverein! Die Idee kam also direkt von den Jugendlichen selbst, die dann anschließend – unterstützt vom „Jugendforum Zollverein“ – alle erforderlichen Wege gegangen sind, um diese Anlage umzusetzen. Sie haben die Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen im Stadtteil überzeugt, haben Modelle gebaut, haben sämtliche politische Gremien durchlaufen und bei der Bezirksregierung vorgesprochen, um deutlich zu machen, dass der Stadtteil Katernberg diese Parkour-Anlage auf Zollverein wirklich braucht. Also wurde auch die Stiftung Zollverein mit ins Boot geholt, die sich für den Bau der Anlage auf ihrem Areal eingesetzt und die Mittel dafür akquiriert hat. Viele der Jugendlichen, die sich damals für den Bau der Parkour-Anlage eingesetzt haben, sind heute junge Erwachsene und übernehmen hier das Training. Sie sind mittlerweile zu Trainern und Trainerinnen ausgebildet worden, damit sie den Parkour-Betrieb in Eigenregie richtig gut stemmen und organisieren können.

2) Was zeichnet das UNESCO-Welterbe Zollverein als Standort einer Parkour-Anlage aus?
Carina: Viele Jugendliche, die sich für den Bau der Anlage eingesetzt haben, haben vorher bereits auf dem Areal trainiert. Hier gibt es mehrere Spots, die sich für Parkour anbieten und an denen ein Training auch erlaubt und sicher ist, wie beispielsweise am Färbergarten der Zeche Zollverein. Daher passte der Ort für diese Jugendlichen hier insgesamt einfach gut, auch von der Ästhetik her mit der imposanten Kulisse der Industriekultur und Industrienatur.

3) Wer kann die Parkour-Anlage nutzen? An wen richtet sich das Angebot?
Carina: Die Anlage ist frei zugänglich und kann grundsätzlich jederzeit von jedem genutzt werden. Die Angebote, die wir momentan machen, richten sich zwar vornehmlich an Kinder und Jugendliche, allerdings sind wir auch sehr bestrebt, Erwachsene für ein Training auf die Anlage zu bekommen. Mein Job ist es vor allem, eine Struktur aufzubauen und Menschen zu finden, die diese Anlage bespielen wollen. Wer das jetzt genau ist oder sein soll, ist dabei völlig offen. Ich persönlich würde mich zum Beispiel sehr freuen, wenn auch eine Rentnergruppe die Anlage nutzen würde.

4) Wie wird die Parkour-Anlage von der Öffentlichkeit angenommen?
Carina: Die Anlage entwickelt sich zu einem richtigen Jugendort und ist bereits eine Art Treffpunkt und Ort der Begegnung geworden, nicht nur für Jugendliche und junge Erwachsene, sondern für Menschen aller Altersklassen. Viele Leute halten sich auch einfach gern an der Anlage auf, um zuzuschauen, weil der Ort so lebendig ist und es immer etwas zum Gucken und Staunen gibt.

5) Ist Parkour noch eine junge Trendsportart in der Metropole Ruhr? Oder hat sich die Sportart hier in der Region bereits etabliert?
Carina: Parkour ist inzwischen sehr professionalisiert. Der Sport ist mittlerweile in das Curriculum der Schulen aufgenommen worden und es gibt seit diesem Jahr Trainerausbildungen im Bereich Parkour, bei denen man einen Trainerschein machen kann. Daher würde ich sagen, dass sich die Sportart auf jeden Fall etabliert hat, auch hier in der Region. In Essen-Kray gibt es eine weitere Parkour-Anlage, in Bochum befindet sich die Trainingsstätte OPEN SPACE für urbane Bewegungskunst, zu der auch unsere Trainer und Trainerinnen häufig zum Parkour-Training und Austausch hingehen. Es gibt viele Vereine, zum Beispiel in Essen-Kettwig und Mülheim. Außerdem findet in Mülheim mit der „Ruhr-Jam“ ein Mal im Jahr ein bekanntes Treffen für Traceurinnen und Traceure statt.

Parkour-Anlage Zollverein Areal C [Kokerei], Nähe Mischanlage [C70] UNESCO-Welterbe Zollverein Essen

Parkour-Anlage Zollverein
Areal C [Kokerei], Nähe Mischanlage [C70]
UNESCO-Welterbe Zollverein
Essen

6) Welche Voraussetzungen sollte ich mitbringen, um Parkour zu erlernen?
Tobias: Parkour ist ein sehr gutes Ganzkörpertraining, mit dem man in jedem Alter anfangen kann. Auch für unerfahrene Menschen oder Leute, die wenig Sport machen, gibt es kleine Übungen für den Anfang, mit denen man sich langsam in die einzelnen Parkour-Techniken einarbeiten kann und bei denen sich schnell Erfolgserlebnisse einstellen. Als Ausrüstung braucht es auch nicht viel: Gute Sportschuhe und bequeme Kleidung reichen vollkommen aus.
Carina: Auf jeden Fall sollte man Spaß an Bewegung haben, wobei auch Menschen, die körperlich eingeschränkt sind, Parkour machen können. Parkour heißt ja einfach nur: Ich schaffe mir mit meinen eigenen Möglichkeiten einen Weg von A nach B. Und wenn ich zum Beispiel meinen rechten Arm nicht bewegen kann, dann suche ich mir eben einen Weg, bei dem ich den Arm nicht benutzen muss. Denn es geht vorrangig um die Entdeckung der eigenen Möglichkeiten mit dem eigenen Körper.
Miguel: Genau! Es kann also wirklich jeder Parkour ausprobieren, der Lust hat, seine Möglichkeiten kennenzulernen, denn den Sport gestaltet jeder für sich, wie er will. So beantworten sich Traceurinnen und Traceure die Frage „Kann ich dieses Hindernis überwinden?“ entsprechend ihrer eigenen Möglichkeiten immer selbst und entscheiden für sich, ob sie beispielsweise eher krasse Jumps oder Flips üben wollen oder ihre Körperspannung, ihre Beweglichkeit oder Mobilität trainieren wollen.

Parkour-Anlage Zollverein Areal C [Kokerei], Nähe Mischanlage [C70] UNESCO-Welterbe Zollverein Essen

Parkour-Anlage Zollverein
Areal C [Kokerei], Nähe Mischanlage [C70]
UNESCO-Welterbe Zollverein
Essen

7) Wie läuft ein Parkour-Training auf Zollverein ab?
Carina: Als Neuling lernt man zunächst grundsätzliche Dinge wie richtig zu fallen und richtig abzufedern. Denn im Parkour spielen unter anderem Sprünge eine große Rolle und die können schnell Verletzungen nach sich ziehen oder auf die Knie gehen, wenn man nicht weiß, wie man sie gelenkschonend ausführt. Außerdem lernt man wichtige Techniken, wie den Animal Walk, der Sicherheit und Kontrolle über die eigenen Bewegungen gibt, den Monkey Walk, der gut zum Abfedern ist, oder die Katze, die zum Überspringen von Hindernissen dient. Hat man die grundsätzlichen Techniken gelernt, geht es darum, sie zu verfeinern, indem man sich mit den anderen austauscht, sich gegenseitig anspornt und Bewegungsabläufe voneinander abguckt. Nach und nach lotet man so seine Möglichkeiten aus und überwindet vor allem seine mentalen Grenzen. Denn häufig ist man körperlich durchaus in der Lage, ein Hindernis zu überwinden, während sich der Kopf total dagegen sperrt. Aber auch diese Überwindung kann man üben, bis man für sich merkt: Ich schaffe das!
Miguel: Dieser Kampf gegen sich selbst, sich immer wieder selbst zu überwinden, macht für mich den allergrößten Reiz aus beim Parkour. Außerdem ist das Training ein tolles Gemeinschaftserlebnis. Da sind wirklich megacoole Leute mit dabei und die Community wächst stetig.

 

Wenn ihr auch einmal Parkour im Emscher Landschaftspark ausprobieren wollt: Die Parkour-Anlage befindet sich auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein, Areal C [Kokerei], Nähe Mischanlage [C70] und ist bis 22 Uhr funktional beleuchtet. Offene, kostenfreie Trainings ohne Altersbegrenzung mit erfahrenen Traceurinnen und Traceuren finden in der Saison 2018 (02.03.-26.10.2018) jeden Freitag von 17 bis 19 Uhr statt. Infos zu weiteren Angeboten, Veranstaltungen und Anfahrt findet ihr unter www.zollverein.de