Metropoleruhr
Emscherlandschafts Park
Stirnlampenführung “Lichtkunstwerk Hütte” im Landschaftspark Duisburg-Nord

Stirnlampenführung “Lichtkunstwerk Hütte” im Landschaftspark Duisburg-Nord

Bei der Nacht-Führung „Lichtkunstwerk Hütte“ im Landschaftspark Duisburg-Nord erleben wir Industriekultur in ganz neuem Licht. Mit Stirnlampen erkunden wir heute die dunkelsten Ecken und Winkel des stillgelegten Stahlhüttenwerks Meiderich und der dazugehörigen Hochofen Außenanlage im Emscher Landschaftspark und begeben uns auf eine spannende Rundtour durch die Industriebrache. Jeden Samstagabend von Anfang November bis Ende Februar können neugierige und furchtlose Entdecker*innen im Landschaftspark Duisburg-Nord an der Nachtwanderung unter Führung teilnehmen und alle industriegeschichtlichen Highlights des Hüttenwerks bei Lampenschein-Atmosphäre unter freiem Himmel auf sich wirken lassen.

Im Zentrum des 180 Hektar großen Landschaftsparks Duisburg-Nord steht das Industriedenkmal Hüttenwerk, welches einst als Thyssen Hochofenwerk Duisburg-Meiderich zwischen 1901 und 1985 für die Stahlindustrie Roheisen produzierte. Nach Aufgabe der Stahlherstellung wurde es erst einmal still in Meiderich und es sollte noch vier Jahre dauern, bis sich das Bürgervorhaben durchsetzte, das Areal als Teil der Hochindustrialisierung und Kultur des Ruhrgebiets zu erhalten. 1991 wurde das Werk schließlich durch die Internationale Bauausstellung Emscher Park der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht, sodass wir heute als Besuchergruppe eines der größten und wichtigsten Industriedenkmale im Ruhrgebiet besichtigen können. Das Hochofenwerkgelände verfügt gegenwärtig über drei noch erhaltene Hochöfen mit den zugeordneten Funktionsbauten und –anlagen, wie z.B. Winderhitzer, zwei Kraftzentralen, Erz- und Möllerbunker, eine alte und neue Verwaltung, Gleisanlagen und eine Gasgebläsehalle.

An düsteren Herbst- und Winterabenden wird das Hüttenwerk nun durch die Lichtinstallation des britischen Künstlers Jonathan Park in ein faszinierendes Meer von Licht und Farbe getaucht. Die verschiedenen Farben repräsentieren die Funktionen der einzelnen Anlagenteile, wobei grün für Gas, blau für Wasser und rot für Feuer und Hitze steht. Der erste Blick vom Eingang aus eröffnet uns bereits ein Bild vom Hüttenwerk im Glanz stimmungsvoller Lichtspiele. Mit seinen drei in der Reihe stehenden Hochöfen, den Bunkeranlagen, Schrägaufzügen und Gießhallen vermittelt das Hüttenwerk im Landschaftspark Duisburg-Nord das traditionelle Bild einer Hochofenanlage der Jahrhundertwende.

Gleisanlage im Landschaftspark Duisburg-Nord

Gleisanlage im Landschaftspark Duisburg-Nord

Am Besucherzentrum vor dem Hauptschalthaus bekommen wir unsere Stirnlampen überreicht, die wir uns aufsetzen und wir beginnen sogleich mit dem Rundgang. Zusammen sind wir um die dreißig Personen, die sich nun neugierig um die Gruppenführerin versammeln. Die Atmosphäre hat etwas von einem Campingausflug unter Sternenhimmel und der Blick auf das in Neonfarben beleuchtete Hüttenwerk ist eindrucksvoll. Die Luft ist klar und frisch an diesem Novemberabend und wir sind froh darüber, dass es nicht regnet. Von Weitem erkennen wir aufragende Schornsteine, die in grün und blau strahlen. Wir begeben uns ein Stückchen näher über die einstigen Güterwagenschienen auf das Innengelände der Hochofenanlage. Hier erfahren wir, dass spezielle Pfannenwagen flüssiges Roheisen quer durch die Hüttenwerkanlage transportiert haben.

Große, weiße Strahler werfen zusätzlich Licht auf unseren Weg und wir folgen weiter dem Verlauf der Rohrleitungen über die Hochofenstraße bis hin zu Hochofen 5. In Öfen wie dem Hochofen 5 wurden zusammen mit vielen anderen Zuschlagstoffen Erze bei rund 2000 Grad Hitze zu Roheisen geschmolzen. Zehn Jahre lief ein Hochofen im Dauerbetrieb bevor er innen neu ausgemauert werden musste. Hochofen 5 ist der einzige der drei Hochöfen im Landschaftspark Duisburg-Nord, der für jedermann frei begehbar ist. Er wurde erst kurz vor Schließung des Werks noch einmal komplett saniert, da man ihn anschließend nach China verkaufen wollte, was jedoch nicht gelang. Für die aktuelle Industriekultur Duisburgs ist es kaum vorstellbar auf den Hochofen zu verzichten, denn erst mit ihm erkennen wir die Funktionszusammenhänge der Eisenproduktion. Während wir die eiserne Treppe am Hochofen 5 zur 70 Meter hohen Plattform hinaufsteigen, schalten wir unsere Stirnlampen ein und werden über die Vorgänge im Inneren des Ofens informiert. Wir lernen, dass ein Hochofen aus Gicht, Schacht, Kohlensack, Rast und Gestell besteht. Im oberen Bereich des Hochofens, der Gicht, betrug die Temperatur etwa 200 Grad Celsius. Je weiter die Rohstoffe (Erz, Koks, Sinter, Kalkstein) im Schacht niedergingen, desto mehr wurden sie erwärmt und dehnten sich aus. Deshalb hat der Hochofen eine sich nach unten erweiternde Form. Am mittleren Kohlensack ist der Durchmesser am größten. Es schließt sich die Rast an. Hier engt sich der Ofendurchmesser ein, und die Rohstoffe konnte „rasten“. In dem sich darunter befindlichen Bereich wurde der heiße Wind durch die Blasformen eingeblasen. Das war die heißeste Zone des Ofens mit Temperaturen von etwa 2000 Grad Celsius. Hier entstanden das flüssige Roheisen und die Schlacke, die nun in das Gestell tropfen konnten. Das sind ganz schön viele Informationen für uns und uns wird bewusst, wie gefährlich die Arbeit rund um die Hochöfen seiner Zeit gewesen sein musste. Oben auf der Plattform angekommen ruhen wir unsere Beine etwas aus und lassen den großartigen Ausblick über die Stadt Duisburg, das Ruhrgebiet und den Niederrhein auf uns wirken.

Blick auf Hochofen 5 im Emscher Landschaftspark Duisburg-Nord

Blick auf Hochofen 5 im Emscher Landschaftspark Duisburg-Nord

Nach dem Abstieg ist unser nächster Stopp die Kraftzentrale, ein rotbraunes Backsteingebäude mit hohen Fenstern, in der früher viel Wind gemacht und heiße Luft produziert wurde. In der Kraftzentrale versorgten Großmaschinen die Hochöfen mit vorgeheizter Luft, dem so genannten Hochofenwind. Zugleich wurde hier der Strom für das Werk und die benachbarte Siedlung gewonnen. Seit 1997 – durch Umbau modernisiert – ist die Großhalle nun ein multifunktionaler Veranstaltungsort und bietet Platz für bis zu 4200 Gäste. Von hier aus schauen wir uns nochmal zum Hochofen um und wir erkennen die gesamte Anlage im Schein der verschiedenen Farben. Viele Besucher und Besucherinnen haben sich hier zum Fotografieren versammelt und auch die „Fackelführung“- Gruppe macht hier einen Zwischenhalt. Bei genauem Hinsehen eröffnet sich uns in der Nacht die Industriegeschichte des ehemaligen Hüttenwerks auf spannende Art und Weise und wir können uns kaum losreißen von der magischen Lichtinszenierung.

Einmal links abgebogen, stehen wir vor dem Gebläsehallenkomplex. Hier verbindet sich moderne Veranstaltungstechnik mit Maschinenbeständen aus der Betriebszeit. Wo damals im Kompressorenraum, Maschinenfoyer und der Pumpenhalle schwer gearbeitet wurde, ereignen sich heute Messen, Parties und Firmenevents. Auch in den Gießhallen, die unseren Rundgang abschließen, fließt schon lange kein geschmolzenes Roheisen mehr über den feuerfesten Boden. In den ehemals brandheißen Gießhallen 1, 2 und 5 wurden bis 1953 Stichlöcher per Hand geöffnet, damit das Roheisen ablaufen konnte. Erst danach kamen Bohrhammer und Stichlochbohrmaschine zum Einsatz, die die Arbeit bei unvorstellbarer Hitze zumindest ein bisschen erleichterten. Die Barren wurden abgekühlt, aufgeschlagen und anschließend zur Weiterverarbeitung in die Gießerei oder zum Stahlwerk transportiert. Derzeit kommen Feuer und Leidenschaft nur noch von den Menschen, die die 30 Meter langen Hallen für ihre vielfältigen kulturellen Projekte nutzen. Zur warmen Jahreszeit lockt Duisburgs Sommerkino Jung und Alt in die durch ein spezielles Folienkissendach geschützte Gießhalle 1 und in Gießhalle 2 beginnt der Hochseilklettergarten „Expedition Stahl“.

Stirnlampenführung "Lichtkunstwerk Hütte" im Landschaftspark Duisburg-Nord

Stirnlampenführung “Lichtkunstwerk Hütte” im Landschaftspark Duisburg-Nord

Nach zwei Stunden ist die Tour beendet und wir haben den Produktionsvorgang des Roheisens von der Rohstoffanlieferung bis zur Abfuhr nachverfolgt. Insbesondere im Hochofen 5 ist uns die Produktionskette bildhaft und real vor Augen geführt worden. Der umfassende Gebäudebestand der Hochofenanlage ist nicht umsonst bundesweit außergewöhnlich und wird uns noch lange in Erinnerung bleiben nachdem wir unsere Lichter ausgeschaltet haben.

Als einer der 52 Ankerpunkte der Route der Industriekultur und Projekt des Regionalverbands Ruhr hat uns der industriegeschichtliche Rundweg durch den Landschaftspark Duisburg-Nord alle Highlights des ehemaligen Hochofenwerks aufgezeigt. Hier kommen lichttechnische Spezialeffekte gekonnt zum Einsatz und unterstreichen das Konzept der Internationalen Bauausstellung Emscher Park, Natur und Industrie für Jung und Alt zu einem einzigartigen Erlebnisraum zu gestalten. Ende November lassen sich illuminierte Industriedenkmäler außerdem bei der „Nacht der Lichtkunst“ in zehn weiteren Städten der Hellweg-Region im östlichen Ruhrgebiet betrachten. Wer sich nicht zu den Nachtschwärmern zählt, kann jedoch auch tagsüber an vielfältigen kulturellen Freizeitaktivitäten teilnehmen, die Hochseilparcours, Klettern und Radfahren auf dem Gelände des Industriedenkmals miteinschließen. So bleibt das ehemalige Industriegebiet als Zeugnis der Geschichte der Eisenhüttentechnik erhalten und kann auf vielfältige Weise interaktiv als Freizeitraum genutzt werden. Die „Stirnlampenführung“ stellt eine dieser Nutzungsmöglichkeiten des Hüttenwerksgelände dar und zeigt, wie sich Industriekultur, Natur und ein faszinierendes Lichtspektakel zu einer unvergesslichen Nachtwanderung durch die Stahlgeschichte des Ruhrgebiets verbinden.