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Emscherlandschafts Park
Menschen im Emscher Landschaftspark 2017: Gemeinsam Gärtnern an der Zeche Zollverein

Menschen im Emscher Landschaftspark 2017: Gemeinsam Gärtnern an der Zeche Zollverein

Das UNESCO-Welterbe Zollverein ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt und als Industrieensemble mit Zeche und Kokerei ein bedeutender Ankerpunkt der Route der Industriekultur im Emscher Landschaftspark. Der Zollverein Park bietet mit gestalteten Grünflächen und dschungelartigem Industriewald eine einzigartige Industrienatur mit zum Teil seltenen Tieren und Pflanzen aus aller Welt und ist ein spannender Standort der Route Industrienatur. 1932 wurde die Zeche Zollverein mit dem markanten Doppelbock in Betrieb genommen und prägt seitdem die Region und den Stadtbezirk, der vor wenigen Jahren sogar nach ihr benannt wurde. Zollverein mittendrin, ein Projekt der Stiftung Zollverein, hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Nachbarschaft „Zollverein“ zu aktivieren und die Identifikation mit dem UNESCO-Welterbe Zollverein zu stärken. Heute lernen wir das Stadtbezirksprojekt Experiment Kleingarten kennen, das mit seinem Urban-Gardening-Konzept einen einzigartigen Kreativort und eine Local Food-Oase als neue Form urbaner Landwirtschaft im Emscher Landschaftspark initiiert.

Wir sind heute mit den Gemeinschaftsgärtnern und Gemeinschaftsgärtnerinnen des Experiments Kleingarten verabredet. Mit dabei ist auch das Projektteam von Zollverein mittendrinClaudia Wagner und Anika Simon, die uns an diesem sonnigen Spätsommernachmittag  an der Gartenparzelle treffen, die sich am Rande des großen Zechengeländes am Ende der Vinzenzstraße befindet. Die Gartenparzelle ist sowohl mit öffentlichen Verkehrsmitteln als auch per Rad oder per Auto  gut zu erreichen. Am grünen Gartentor hängen ein Schild und der Hinweis auf den offenen Gartentag, welcher jeden Mittwoch ab 16 Uhr stattfindet. Ein paar Gärtner und Gärtnerinnen sind bereits fleißig am Werk, als wir den Garten betreten. Vielfältige Düfte gehen von den bunten Pflanzen aus und wir passieren gut abgeerntete Hochbeete aus aufgestapelten Backsteinen und grüne Kräuterbeete, bis wir das Gartenhaus erreichen. Vor der kreativen Hütte erwarten uns auch schon Claudia Wagner und Anika Simon. Die beiden haben das Experiment Kleingarten im letzten Jahr in die Wege geleitet und sind stolz, wie selbstständig es inzwischen weiter läuft. Wir setzen uns in einer gemütlichen Runde in einer grünen Ecke zusammen und lassen uns von der Entwicklung des Gemeinschaftsgartens und des Projekts Zollverein mittendrin erzählen.

Gewächshäuser des Experiment Kleingarten Essen Zollverein

Gewächshäuser des Experiment Kleingarten Zollverein Essen

Zollverein mittendrin ist eine einzigartige Initiative in der Metropole Ruhr und wurde 2012 ins Leben gerufen. Seitdem ist es stetig gewachsen und lebt vom tatkräftigen Einsatz der aktiven Nachbarschaft Zollverein, die immer wieder spannende und nachhaltige Impulse und Aktionen schafft. Im Jahr 2015 wurde beispielsweise die Idee „Kamera läuft“ umgesetzt. Bei dieser Aktion  haben engagierte Filmemacher und Filmemacherinnen aller Altersgruppen mit der Unterstützung  von Profis ihre persönliche Beziehung zum Essener Norden künstlerisch aufgearbeitet.  Zu den Drehorten gehörten dabei sowohl der Stadtbezirk 6 – Zollverein und  Spielorte der Ruhr Games 2015. Von 2013 bis 2014 wurden im Rahmen von Erzählwerkstätten unter dem Titel „Mein Zollverein“ über 100 spannende Geschichten und Anekdoten der Nachbarschaft über ihre Erlebnisse und Erfahrungen im Stadtbezirk Zollverein in einem Buch versammelt. Seit einem Jahr konzentriert sich Zollverein mittendrin schwerpunktmäßig auf junge Zielgruppen. Daher liegt den Planern und Planerinnen auch die am  07. und 08. Oktober bevorstehende Eröffnung einer Parkour-Anlage „Parkour auf Zollverein“ auf dem Gelände der Kokerei Zollverein ganz besonders am Herzen. Diese entspringt einer intensiven Zusammenarbeit mit dem Jugendforum Zollverein und wird den Jugendlichen und Junggebliebenen der Nachbarschaft einen neuen, einzigartigen Sport- und Freizeitort im Emscher Landschaftspark bieten.

Nur durch das Engagement der Nachbarschaft kann Zollverein mittendrin inzwischen auch wortwörtlich aufblühen. Seit 2016 gibt es das Experiment Kleingarten, das stetig wächst und gedeiht. Wir werden auf einen kleinen Rundgang eingeladen. Der Garten sprüht vor Kreativität und Einsatz und ist bestens ausgestattet mit Gewächshäusern, Gartenhütte, einer gesunden Rasenfläche und zahlreichen üppig bepflanzten Beeten. Während des Rundgangs durch das Pflanzenparadies erfahren wir von Anika Simon alles über nachhaltiges kollektives Gärtnern in der Industrienatur. Schließlich werden wir sogar noch Zeugen einer Hoteleröffnung der etwas anderen Art.

Vier Fragen an das Team des Gemeinschaftsgartens:

   1. Wie ist das Experiment Kleingarten entstanden?

Den Grundstein für das Experiment Kleingarten legte ein glücklicher Zufall. Alle Parzellen an dieser Stelle werden von der Stiftung Zollverein verpachtet und sind heiß begehrt. Im letzten Jahr wurde eine der Parzellen von ihrer Besitzerin freigegeben. Die Stiftung Zollverein hat zum Glück direkt an Zollverein mittendrin gedacht, sodass die Parzelle seitdem vom Projekt gepachtet werden kann. Es sollte von Anfang an ein Gemeinschaftsprojekt mit und für die Nachbarschaft des Stadtbezirks werden und der Andrang bei der Auftaktveranstaltung war groß. Aus dieser ging ein verlässlicher Kern von 13 Mitwirkenden hervor, die mit tatkräftigem Einsatz dieses Projekt entstehen ließen.

Hochbeete des Experiment Kleingarten Essen Zollverein

Hochbeete des Experiment Kleingarten Essen Zollverein

  2. Was macht den Kleingarten heute aus? Was unterscheidet ihn von den vielen anderen Gartenanlagen der Metropole Ruhr?

Das Experiment Kleingarten zeichnet sich vor allem durch den ausgeprägten Gemeinschaftssinn und den unermüdlichen Einsatz der Mitwirkenden aus. Fast täglich sind Gärtnerinnen und Gärtner hier am Werk und bauen, buddeln und pflanzen. Streit gibt es kaum. Den Garten kann jeder von ihnen frei nach seinem oder ihrem Willen gestalten, größere Vorhaben werden dabei im Kollektiv besprochen und umgesetzt. Hier gibt es keinen Kleingartenverein und dementsprechend nur die Regeln, die wir selber aufstellen. Alle sind offen für Neues und freuen sich über neue Gartenfreunde und Gartenfreundinnen, die sich engagieren und diese tolle Gemeinschaft genießen wollen. Dabei wird nicht nur gemeinsam gepflanzt und geerntet, sondern auch zusammen gegessen und sich ausgetauscht. Hier wird kollektives Gärtnern gelebt.

3. Wie werden Nachhaltigkeit und Industrienatur umgesetzt?

Die Umsetzung des Konzepts „Upcycling“ ist einer der Kernaspekte dieses Projekts, man könnte auch sagen: „Aus Alt mach Neu“. Die Backsteine an den runden Hochbeeten kommen direkt vom Zechengelände, nachdem sie dort nicht mehr gebraucht wurden. Der Pflanztisch ist aus alten Euro-Paletten entstanden und einige andere Beet-Begrenzungen bestehen aus bunt schimmernden Glasflaschen. Eine Komposttoilette verwandelt unsere Hinterlassenschaften in wertvollen Kompost. Auch für die Tierwelt der Industrienatur wird hier gesorgt, in Form von Fledermauskästen, Nistkästen oder Insektenhotels, von denen gerade ein neues aufgestellt wird. Das Erbe der Industrie stellt das Experiment natürlich vor gewisse Herausforderungen. Unter anderem aufgrund von möglichen Bodenbelastungen wurde daher von Anfang an mit Hochbeeten gearbeitet  und hervorragende Ergebnisse damit erzielt.

  4. Wie sehen die zukünftigen Pläne für dieses Experiment aus?

Insektenhotel des Experiment Kleingarten Essen Zollverein

Insektenhotel des Experiment Kleingarten Essen Zollverein

Der Name ist Programm, denn hier werden immer wieder neue Dinge ausprobiert. Das Projekt selbst ist hingegen schon lange kein Experiment mehr und wird sicher noch lange halten. Regelmäßig gibt es Kooperationen, zum Beispiel mit der Grünen Hauptstadt Europas Essen 2017, wodurch der Kleingarten Gelegenheiten bekommt, sich zu präsentieren und neue Mitglieder zu mobilisieren. In näherer Zukunft wollen wir uns auch vermehrt den Kindern und Jugendlichen Essens widmen. So soll der Garten ein Erlebnisort für Kinder- und Jugendgruppen und als „Grünes Klassenzimmer“ ein Lernort in der Natur werden.

Bevor wir uns am Ende dieses schönen Nachmittags von der Anlage und dem herzlichen Gartenteam verabschieden, dürfen wir beobachten, wie das große Insektenhotel aufgerichtet wird und genießen noch ein wenig die Schönheit dieses Ortes. Wir hoffen, dass die Gärtnerinnen und Gärtner für die Pflege dieser grünen Oase immer genug Nachwuchs finden. Für Interessierte bietet sich vor allem der wöchentliche offene Gartentag an: Bei jedem Wetter ist mittwochs ab 16 Uhr jemand im Garten, um Fragen zu beantworten, Tipps zu geben oder über das Experiment Kleingarten zu reden. Dieser Gemeinschaftsgarten ist ein einzigartiges Beispiel dafür, wie die Industrienatur im Emscher Landschaftspark Hand in Hand nachhaltig gestaltet und gelebt werden kann.