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Emscherlandschafts Park
Klang und Kunst im Emscher Landschaftspark: Kunstwald Teutoburgia

Klang und Kunst im Emscher Landschaftspark: Kunstwald Teutoburgia

Kunst und Industrie miteinander zu verbinden ist eine spannende Sache. Das könnt ihr im Kunstwald Teutoburgia im Emscher Landschaftspark aus nächster Nähe bewundern. Auf dem Gelände stand seit 1866 die Zeche Teutoburgia, zu der auch die benachbarte Arbeitersiedlung Teutoburgia gehörte. Die Siedlung  wurde zwischen 1909 und 1923 unter der damaligen Reformidee der „Gartenstadt“ gestaltet. Ursprünglich wurde diese Idee 1898 von dem Briten Ebenezer Howard entwickelt, um den Menschen besseren Wohnraum zu bieten. Auf den Grünflächen konnten Nutztiere gehalten und Obst und Gemüse angebaut werden. Auch heute leisten Gartenstädte mit ihrem hohen Grünanteil einen wichtigen Beitrag zur Freiraum- und Biotopvernetzung im Emscher Landschaftspark.

Förderturm, Kunstwald Teutoburgia

Förderturm, Kunstwald Teutoburgia

Die Arbeitersiedlung Teutoburgia gilt als eine der schönsten im Ruhrgebiet. Bei unserem Spaziergang durch die Siedlung haben wir wegen der typischen grünen Vorgärten das Gefühl, in einer englischen Kleinstadt zu stehen. Die Häuser sind architektonisch sehr aufwendig gestaltet. Es gibt 4 Grundtypen, aus denen 21 Hausentwürfe mit individueller Note entstanden sind. Heute wohnen in der Siedlung Teutoburgia viele ehemalige Bergarbeiter. Einer von ihnen ist Peter Malkus, ein Ehrenamtlicher der Bürgerinitiative Teutoburgia. Die unterstützt die Siedlung und den Kunstwald. Wer ein Problem oder Anliegen hat, ist immer herzlich zu den öffentlichen Sprechstunden der Bürgerinitiative eingeladen. Sie besteht aus ehrenamtlichen Bürgern, die sich um ihre Siedlung kümmern. Bei einem Spaziergang durch den Kunstwald erzählte Peter Malkus uns, wie wichtig der Park für ihn und seine Hündin als Naherholungsgebiet hier im Ruhrgebiet ist: „Wir sind jeden Tag hier. Ich arbeite ehrenamtlich und kümmere mich um den Park. Aber auch die anderen Anwohner kommen sehr gerne her, man hat das Naherholungsgebiet ja quasi direkt vor der Tür!“ An Peter Malkus Seite schauen wir uns um. Es gibt wirklich viel zu entdecken, denn viele Kunstwerke hier nimmt man erst auf den zweiten Blick wahr.

Die Zeche Teutoburgia, die der Siedlung ihren Namen gab, wurde 1925 geschlossen und abgerissen. Was übrig blieb, waren der Förderturm und die Maschinenhalle. Das ehemalige Zechengelände wurde in den 1990er Jahren mithilfe verschiedener Künstler in den Kunstwald verwandelt. Um den Förderturm und die Maschinenhalle kümmert sich vor allem der Förderverein Teutoburgia e.V. Verschiedene Künstler gründeten ihn, um sich für die Erhaltung der Kunst auf dem ehemaligen Zechengelände zu engagieren. Einer von ihnen ist Christoph Schläger, der Initiator der Idee des Kunstwaldes. Heute lebt und arbeitet er auf diesem Gelände. Schläger nutzt vor allem die Maschinenhalle, um  Klanginstrumente für seine Kunst herzustellen. Wir haben uns mit ihm an diesem Kunstort im Emscher Landschaftspark getroffen, wo er uns die Idee des Kunstwaldes Teutoburgia erklärt und uns von der Entwicklung des Areals erzählt hat.

5 Fragen an den Künstler Christof Schläger:

1. Wie kamen Sie zu der Entscheidung, einen Wald der Kunst zu widmen?

Ich finde es wichtig, dass ich mich als Künstler in der Region engagiere. Dieses Jahr ist ein symbolisches Jahr, gerade jetzt ist eine Phase des Umbruchs und ein kollektiv-mentaler Abschluss eines Prozesses: Man richtet sich nicht mehr nach Kohle und Stahl, man  wirft  seinen Blick auf etwas Neues und Anderes  und als Künstler macht man dies sowieso.

"Fußgänger", Kunstwald Teutoburgia

“Fußgänger”, Kunstwald Teutoburgia

Vor diesem Hintergrund wurde bereits vor Jahren die Idee geboren, ein altes Zechengelände in einen Kunstortpark umzugestalten. Ich hatte 1995 dazu verschiedene Künstler eingeladen, die verschiedene Ideen entwickelt haben. Wir wollten keinen starren Skulpturenpark machen, sondern die Künstler sollten in diesen Prozess der Veränderung eingreifen, ihn neu gestalten und mit Ideen füllen. Daher sind einige Projekte im Park sofort als solche erkennbar bzw. sichtbar, andere offenbaren sich erst nach und nach. Es gibt also immer wieder etwas zu entdecken in diesem Park, wie zum Beispiel den eingesenkten Platz, der als Symbol für die Zeche Teutoburgia steht. Bei einer Zeche wird ja zunächst der Grundriss abgesteckt und diesen hat der Künstler in Form eines eingesenkten Platzes in verkleinerter Form dargestellt. Auch der dominante „Fußgänger“, der direkt beim Betreten des Parks auffällt, kann vielseitig interpretiert werden. Ich würde ihn als eine Art der Transformation verstehen, eine harte Konstruktion aus Stahl, die jedoch von Ranken bewachsen ist, die die Adern, also das Lebendige, symbolisieren.

2. Wie kamen Sie dazu, Ihre Kunst ausgerechnet auf diesem alten Zechengelände in der Metropole Ruhr auszustellen?

Es ist eher so: Ich bin den Möglichkeiten gefolgt und der konkrete Anlass war, dass die damalige Kulturredakteurin der WAZ wusste, dass ich nach Aktivitätsräumen für Kunst suchte. Sie wies mich auf die Zeche Teutoburgia hin, die zu diesem  Zeitpunkt abgerissen wurde. Ich persönlich kannte die Zeche ja schon aus meiner Kindheit. Ich bin damals oft mit dem Fahrrad hier entlang gefahren, da standen sogar noch die alten Verwaltungsgebäude. Ich dachte mir, dass ein Kunstraum auf diesem Gelände spannend sein könnte. Allerdings war es hier wirklich wüst, sowohl die Fläche als auch die Maschinenhalle. In dieser Schuttruine haben wir dann mit 20 Künstlern eine Ausstellung gemacht. Das war der Startpunkt. Es war nichts da, wir mussten alles organisieren. Die Ausstellung in dieser Ruine hieß passenderweise: Betreten verboten. Das war 1989. Das Ganze entwickelte sich fort, sodass wir danach 2 bis 3 schöne Festivals umgesetzt haben. Das war dann auch die Basis, auf der die Stiftung NRW Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege auf uns aufmerksam wurde und uns unterstützen wollte. Die Stadt Herne ist daraufhin ebenfalls aufmerksam geworden, weil wir natürlich Zuschüsse bei der Stiftung beantragt und etwas Geld bekommen hatten. Damit konnten die Maschinenhalle und der Förderturm in Stand gesetzt werden. Im weiteren Verlauf haben wir auch mit dem Regionalverband Ruhr (RVR) gesprochen. Der RVR besitzt diese Fläche und wollte damals auf dem Areal  eine Art Renaturierungsprojekt starten, um die Brache zu begrünen. Da haben wir uns als Künstler eingeklinkt und unsere Hilfe angeboten.

3. Es hat sich zur Unterstützung ja auch eine Bürgerinitiative gegründet. Wie kam es dazu?

Maschinenhalle, Kunstwald Teutoburrgia

Maschinenhalle, Kunstwald Teutoburgia

Als wir hier angefangen haben, gab es die Bürgerinitiative noch nicht. Damals standen die Bewohner der Siedlung Teutoburgia noch etwas unter Schock, da die Zeche, die vielen Arbeitsplätze geboten hatte, ihr Ende gefunden hatte. Die alten sozialen Strukturen sind damit erst einmal auseinander gebrochen. Erst vor 10 Jahren hat sich wieder ein neues Sozialgefühl entwickelt, aus dem unter anderem die Bürgerinitiative entstanden ist. Es gibt immer viele Gespräche mit der Bürgerinitiative. Seit 2 Jahren machen wir  einmal im Jahr ein  kleines Fest, das „Licht an“ heißt. Mittlerweile gibt es auch den Förderverein Teutoburgia, der sich speziell um die Maschinenhalle und den Kunstwald kümmert.

4. Sie sind ja auf vielfältige Weise im Emscher Landschaftspark künstlerisch aktiv und haben u.a. im Zuge der Kulturhauptstadt RUHR.2010 das Projekt „Schwingungen“ auf dem KulturKanal veranstaltet, der Erlebnispassage und zentralen Wasserachse mit dem Herzstück Rhein-Herne-Kanal im Emscher Landschaftspark. Welche Möglichkeiten ergeben sich für Sie bei so einem vielfältigen Terrain?

Wir haben das Kanalgebiet in Herne mit einer Art Industrieoper inszeniert – für mein Gefühl das beste Projekt, das ich künstlerisch für die Region gemacht habe. Ich glaube, ich habe mich in meinen Projekten noch nie wiederholt, d.h.  ich entwickle für  jeden neuen Anlass und für  jede neue Raumsituation ein neues Konzept. Da die damals benutzten Hörner so einen großen Klangraum bespielen konnten,  war es wichtig,  das vorhandene Drumherum am KulturKanal mit einzubeziehen. So haben wir sieben Betonpumpen am Rhein-Herne-Kanal, Pyrotechnik und einen Güterzug in die künstlerische Inszenierung integriert. Ich würde es als eine Art künstlerisches Spiel mit der Industrie, die noch da ist, bezeichnen. Auch eine Maschine vom Herner Kohlekraftwerk die eigens für uns angestellt wurde, haben wir mit einbezogen und weitere Elemente, die in Herne am KulturKanal vorhanden sind, wie die Schleuse Wanne-Eickel, den Kanal selbst mit seiner Wasserfläche und sogar ein Schiff. Dies alles war Teil eines großen künstlerischen Prozesses, um Industrie und Kunst miteinander zu verbinden.

5. Wie ist Ihr persönlicher Bezug zum Emscher Landschaftspark? Haben Sie Lieblingsorte?

Einer meiner Lieblingsorte ist der Rhein-Herne-Kanal, er ist vor allem meine klangliche Inspirationsquelle. Ich bin schon als Jugendlicher gerne am Wasser spazieren gegangen. Gerade am Rhein-Herne-Kanal entwickelt sich vor allem nachts eine ungewöhnliche Klangatmosphäre. Es gab damals noch Werften, die teilweise Nachtschichten hatten und die man kilometerweit hören konnte. Arbeiter schlugen mit Hämmern auf Stahlplatten,  ein Dieselschiff fuhr mit diesem typischen Getucker vorbei. Außerdem hörte man in der Ferne eine chemische Anlage, Druckluftteile, die Geräusche machten, Eisenbahnen und Güterzüge. Ich würde dies als Symphonie der urbanen Stadt bezeichnen, man muss nur die Ohren aufmachen. Nachts ist das besonders schön, weil das Auge optisch unterfordert ist und das Ohr bewusster ganz fantastische Dinge wahrnehmen kann. Ich mag auch Spaziergänge auf der Emscher-Insel. Kuriose Raumerscheinungen wie stillgelegte Kläranlagen, teilweise vollkommen überwuchert, und die dazugehörigen leergeräumten Pumpwerke haben mich bereits früher  sehr gereizt. Zum Teil fühlte man sich wie in einem Fantasyfilm, so verrückt und skurril gestaltete sich die Szenerie. Meine musikalische, klangliche Fantasie befindet sich an diesem Ort. Gerne würde ich an meine Erinnerungen, die ich noch vor Augen habe, künstlerisch anknüpfen und den Ort mit Menschen neu wiederentdecken und bespielen. Ich habe schon mehrere Ideen, wie man ein fantastisches Klangraumkonzert auf der Emscher-Insel aufführen könnte, mit Druckluft, Schiffshörnern oder Hammerwerk. Schauen wir mal!