Metropoleruhr
Emscherlandschafts Park
Industrienatur im Emscher Landschaftspark: Bustour in Kooperation mit der Grünen Hauptstadt Europas Essen 2017

Industrienatur im Emscher Landschaftspark: Bustour in Kooperation mit der Grünen Hauptstadt Europas Essen 2017

Wenn wir in den Urlaub fahren, ist es selbstverständlich, die Umgebung und die unbekannte Tier- und Pflanzenwelt kennenzulernen. Doch wie gut kennen wir eigentlich unsere eigene Heimat? Nur selten verlassen wir die alltäglichen Wege und nehmen uns Zeit, unser bekanntes Umfeld neu zu entdecken. Dabei bietet die Metropole Ruhr mit dem Emscher Landschaftspark eine immense Vielfalt an außergewöhnlicher Industrienatur, künstlerischen Landmarken und geschichtsträchtiger Industriekultur – gleich vor unserer Haustür. Aus diesem Grund haben wir uns für die Bustour Emscher Landschaftspark in Kooperation mit der Grünen Hauptstadt Europas Essen 2017 angemeldet, die uns einen Einblick in die Industrienatur im Emscher Landschaftspark in Essen ermöglicht. Nach der Schließung von Zechen, Kokereien und Hüttenwerken im Ruhrgebiet haben sich Tiere und Pflanzen an die speziellen Bedingungen auf den Industriebrachen angepasst und einen neuen Lebensraum geschaffen. Dieser Lebensraumtyp  wird als Industrienatur bezeichnet. Auf der heutigen Tour werden wir drei Standorte der Route Industrienatur im Emscher Landschaftspark erkunden: die Schurenbachhalde, den Gleispark Frintrop und den Zollverein Park. Voller Vorfreude begeben wir uns um 13 Uhr zum Essener Hauptbahnhof, dem Startpunkt unserer Entdeckungstour.  „Alles einsteigen bitte!“, ertönt es aus dem vorderen Teil des Busses. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und klettern mit den weiteren Teilnehmern und Teilnehmerinnen in den Bus – der erste Halt: die Schurenbachhalde.

Treppen Schurenbachhalde Essen

Treppen Schurenbachhalde Essen

Nach ungefähr 15 Minuten Fahrt erreichen wir die Halde und versammeln uns vor der Treppe, die direkt hinauf auf das Haldenplateau mit der künstlerischen Landmarke „Bramme für das Ruhrgebiet“ führt. Birgit Ehses, Naturführerin und Expertin für die Industrienatur im Emscher Landschaftspark und in der Metropole Ruhr, begrüßt uns mit einem strahlenden Lächeln. Sie erzählt uns, dass sie bereits seit 15 Jahren Führungen im Emscher Landschaftspark leitet und immer wieder aufs Neue von der Schönheit des Ruhrgebiets begeistert ist. Bevor wir den Aufstieg auf die Schurenbachhalde antreten, erklärt Birgit Ehses, wie die Halden in der Metropole Ruhr entstanden sind und wie sich die Schüttungen im Laufe der Zeit verändert haben. „Halden können sowohl natürlichen Ursprungs als auch von Menschenhand geschaffen sein“, erklärt Birgit. „Viele Halden bestehen aus unbrauchbarem Gestein, das bei der Kohleförderung in den Bergwerken zu Tage gebracht wurde.“ Es gibt drei Generationen von Halden: die Spitzkegelhalde, den Tafelberg und das Landschaftsbauwerk. „Früher hat man sich keine Gedanken über die weitere Nutzung der aufgeschütteten Berge gemacht. Man hat einfach das Nebengestein ohne weitere Verarbeitung zu einem spitzen Kegel aufgeschüttet.“ Die Schurenbachhalde gehört jedoch zu den neueren Landschaftsbauwerken und ist ein gestaltetes Gesamtkunstwerk.

Die "Wilde Karde" Schurenbachhalde Essen

Die “Wilde Karde” Schurenbachhalde Essen

Wir erklimmen den ersten Abschnitt der Halde und legen eine kurze Pause ein, in der wir uns einige der hier angesiedelten Pflanzen genauer anschauen. Wir starten mit der allseits bekannten Brennnessel – als Kind gefürchtet, als Naturheilpraktikerin überaus geschätzt. Birgit Ehses erklärt uns, dass es männliche und weibliche Brennnesseln gibt und man diese anhand der Samen unterscheiden kann. „Brennnesseln schmecken nicht nur gut als Tee, im Salat oder als Spinat, sondern gelten darüber hinaus als blutreinigend und haben eine heilende Wirkung bei Harnwegserkrankungen, Rheumatismus oder Magen- und Nierenschwächen.“ Auf der so unscheinbar wirkenden Blumenwiese findet Birgit Ehses noch viele weitere Heilpflanzen wie die Gemeine NachtkerzeEisenkrautNatternköpfe und Johanniskraut. Sie pflückt vorsichtig eine gelbe Johanniskrautblüte, zerreibt sie zwischen den Fingern und präsentiert uns den roten Saft, der als bestes pflanzliches Mittel gegen Depressionen gilt. Die wilde Karde mit ihren distelartigen Blüten hat es nicht nur uns besonders angetan, sondern gefällt auch den Hummeln sehr gut. Ihr fröhliches Summen klingt uns immer noch in den Ohren, als wir unseren Aufstieg auf das Haldenplateau fortsetzen.

"Bramme für das Ruhrgebiet" Schurenbachhalde Essen

“Bramme für das Ruhrgebiet” Schurenbachhalde Essen

Oben angekommen, erstreckt sich vor uns eine karge Mondlandschaft mit einer weiten Aussicht auf die Metropole Ruhr und etlichen Landmarken des Emscher Landschaftsparks. „Welche Landmarken könnt ihr denn von hier oben aus entdecken?“ fragt Birgit Ehses in die Runde. Eine junge Frau erkennt das Tetraeder in Bottrop, ein älterer Herr sinniert über die damalige Zeit beim Anblick der Zeche Zollverein und ein Pärchen beginnt, von der aktuellen Ausstellung „Wunder der Natur“ im etwas weiter entfernten Gasometer Oberhausen zu schwärmen. „Dort drüben kann man die Veltins-Arena erkennen“, ergänzt ein Fußballbegeisterter.  Unsere Haldenexpertin Birgit Ehses deutet mit dem Finger auf die Halden Hoheward und Rungenberg und weist uns auf die Statue des Herkules von Gelsenkirchen hin, die auf dem ehemaligen Förderturm der Zeche Nordstern im Nordsternpark steht. Wir genießen die Aussicht für eine Weile und steuern dann die außergewöhnliche Landmarke der Schurenbachhalde an – die „Bramme für das Ruhrgebiet“. Die Bramme ist ein schmales, 15 Meter hohes Stahlkunstwerk von dem amerikanischen Künstler Richard Serra. „Die karge, pflanzenlose Fläche hier oben ist Teil des Kunstwerkes. Im Frühjahr bahnen sich allerdings kleine Pflänzchen, die sogenannten Reseden, einen Weg durch den Schutt.“ Ein weiterer Besucher im Frühjahr ist der Flussuferläufer, ein mitteleuropäischer Vogel, der sich auf der Halde einen geschützten Ort zum Brüten sucht. „Manchmal kann man hier oben sogar Greifvögel und Amphibien beobachten“, fügt Birgit Ehses hinzu.

Samen einer Sumpfschwertlilie Schurenbachhalde Essen

Samen einer Sumpfschwertlilie Schurenbachhalde Essen

Wir begeben uns auf den Rückweg und tauchen unterwegs noch an einer anderen Stelle tiefer in das grüne Naturreich ein. Birgit Ehses erklärt: „ Auf der Halde wurden insgesamt 250 000 Pflanzen angepflanzt –  überwiegend Sträucher wie der orange-leuchtende Sanddornstrauch hier.“ Auf halber Höhe machen wir einen Abstecher zu einem kleinen Teich, der zu einem Zuhause für Molche, Frösche und Libellen geworden ist. Wir hören ein leises Rascheln aus dem hohen Schilf, können aber leider kein Tier entdecken. Wir halten für einen Moment inne und genießen das melodische Vogelgezwitscher und die entspannende Atmosphäre in dieser kleinen Ruheoase. Auf dem Rückweg entdecken wir eine hübsche Pflanze mit lila Blüten und roten Beeren. Birgit Ehses erklärt, dass es sich bei diesem Exemplar um den bittersüßen Nachtschatten handelt. Die Beeren der Pflanze sind sehr giftig und der Verzehr von einer geringen Menge kann bereits schwerwiegende Krankheiten auslösen. Wir erfreuen uns am Anblick der Pflanze aus einiger Entfernung und setzen den Weg zum Fuß der Halde fort.

Hütte "Warten auf dem Fluss" Emscher-Insel

Hütte “Warten auf dem Fluss” Emscher-Insel

Bevor wir wieder in den Bus einsteigen, statten wir noch der Skulptur „Warten auf den Fluss“ der EMSCHERKUNST einen Besuch ab, die anlässlich der Grünen Hauptstadt Europas und der Renaturierung der Emscher auf der Emscher-Insel wieder aufgestellt wurde. Die Skulptur besteht aus einer Zickzack-Brücke, die durch drei Pavillons gegliedert ist. Ein Volunteer der Grünen Hauptstadt Europas erwartet uns bereits und führt uns über die Anlage. Die Pavillons können für eine Übernachtung inklusive einem vegetarischen Frühstück und Abendessen gebucht werden. Wir werfen einen Blick in die drei Holzhütten und sehen schlicht eingerichtete Schlafzimmer mit jeweils zwei und drei Schlafbetten. Auf dem Boden tanzen Sonnenstrahlen, die durch das riesige Panoramafenster hineinscheinen. Vom Bett aus hat man einen wunderschönen Ausblick auf Bäume und Sträucher in den sattesten Grüntönen. Die Brückenanlage bietet sich wunderbar als Picknickort für Fahrradfahrer und Fahrradfahrerinnen an, die auf dem Emscher Park Radweg unterwegs sind. Voraussichtlich im Jahr 2020 soll der Emscher-Umbau abgeschlossen sein und die renaturierte Emscher an diesem Standort fließen.

Brombeerstrauch Emscher Essen

Brombeerstrauch Emscher Essen

Birkenwald Gleispark Frintrop Essen

Birkenwald Gleispark Frintrop Essen

Um 15.30 Uhr versammeln wir uns alle wieder im Bus. Unser zweiter Halt auf der Route Industrienatur ist der Gleispark Frintrop. Auf dem Gelände des heutigen Gleisparks Frintrop befand sich  bis in die 1960er Jahre ein Sammelbahnhof mit Bahnbetriebswerk. Nach der Einstellung des Güterverkehrs hat sich aus der Eisenbahnbrache ein Paradies für die verschiedensten Tier- und Pflanzenarten entwickelt. Um uns die Entwicklung des Geländes anschaulicher zu machen, zeigt uns Birgit Ehses ein Vorher-/Nachherbild. Während wir durch den Park laufen, beobachten wir Kaninchen, die über die Blumenwiesen hoppeln und Heuschrecken, die von Blatt zu Blatt hüpfen. Der Gleispark Frintrop bietet Lebensraum für seltene Tierarten wie für WespenspinnenSperberMäusebussarde und Füchse. Leider hat es mittlerweile leicht zu regnen angefangen, und die meisten Tiere haben sich einen trockenen Unterschlupf gesucht. Im Schutz des Birkenwaldes führen wir unsere Entdeckungstour fort und machen Bekanntschaft mit WeidenröschenSeifenkraut und Feuerblumen. „Aus den Feuerblumen hat man früher Kerzendochte hergestellt  und einen Teil der Pflanze zum Stopfen von Kissen verwendet. Da hat man noch die Gaben der Natur wertgeschätzt und nachhaltig gedacht“, erinnert sich Birgit Ehses. „Von welcher Pflanze stammt denn dieser himmlische Duft?“ fragt eine Teilnehmerin neugierig. Birgit deutet auf den hübsch blühenden Strauch hinter ihr: „Das ist der chinesische Sommerflieder. Er ist besonders beliebt bei Schmetterlingen!“ Unsere gesamte Gruppe versammelt sich nun vor dem Flieder und schnuppert an den lilafarbenen Blüten. Auf dem Rückweg bleiben wir immer mal wieder stehen und stärken uns mit süßen Brombeeren frisch vom Strauch. Unsere  letzte Station der Route Industrienatur im Emscher Landschaftspark ist der Zollverein Park des UNESCO-Welterbes Zollverein.

Kaulquappen Zollverein Park Essen

Kaulquappen Zollverein Park Essen

Schon von Weitem können wir den Förderturm der Zeche Zollverein, den „Eiffelturm des Ruhrgebiets“ sehen. Heute besichtigen wir allerdings nicht die Zechengebäude und die Anlagen der Kokerei, sondern den Zollverein Park  mit der ehemaligen Halde, die sich aus dem dort abgelagerten Nebengestein  der Kohleförderung gebildet hat. Um den Park attraktiver zu gestalten, hat man im Laufe der Zeit neue Wege und eine 3,5 km lange Ringpromenade angelegt. Birgit Ehses deutet auf einen Baum gleich am Eingang des Parks. „Das ist eine Robinie. Sie wird auch als falsche Akazie bezeichnet. Akazienhonig stammt eigentlich gar nicht von der Akazie, sondern vom Robinienbaum und müsste korrekterweise Robinienhonig heißen“, klärt uns Birgit Ehses auf. Wir laufen weiter in den Park hinein und bleiben vor einem kleinen Teich auf einer grünen Lichtung stehen. „Vor euch seht ihr das artenreichste Biotop in der Umgebung. Libellenforscher und Forscherinnen aus dem ganzen Land kommen hierher, um seltene Libellenarten zu studieren. Außerdem könnt ihr hier, wenn ihr vorsichtig seid, die ein oder andere Kreuzkröte entdecken!“ Sofort teilen wir uns auf und suchen den Boden nach besagter Kreuzkröte ab, können aber leider keine finden. Das Biotop ist aufgrund des heißen Sommers zu einem Großteil ausgetrocknet. Eine Teilnehmerin ruft  begeistert: „Ich habe zwar keine Kröte gefunden, aber dafür ganz viele Kaulquappen!“. Wir eilen herbei, um die kleinen Wesen zu beobachten. „Quak-quak“ ertönt es plötzlich aus dem hinteren Teil des Teiches. Die Kreuzkröten haben wohl unsere Anwesenheit bemerkt. Wir werden mucksmäuschenstill und lauschen gebannt dem Kreuzkröten-Konzert.

Es ist bereits kurz vor 18 Uhr, als wir an Kunstwerken, in denen sich Wildbienen eingenistet haben, an Spielorten für Kinder und Ruhezonen für Spaziergänger und Spaziergängerinnen vorbei zum Bus laufen. Birgit Ehses verabschiedet sich herzlich von uns und wir bedanken uns für die lehrreiche und spannende Tour durch die Industrienatur des Emscher Landschaftspark. Wir freuen uns, dass wir unsere Heimat wieder einmal ein Stück näher kennengelernt haben und staunen immer noch über die Vielfalt, die die Metropole Ruhr zu bieten hat. Erschöpft, aber glücklich über die vielen verschiedenen Eindrücke und den schönen Tag klettern wir in den Bus und freuen uns schon auf unseren nächsten Ausflug in den Emscher Landschaftspark.