Metropoleruhr
Emscherlandschafts Park
Ikone der Industriekultur im Emscher Landschaftspark: Die Maschinenhalle der Zeche Zollern

Ikone der Industriekultur im Emscher Landschaftspark: Die Maschinenhalle der Zeche Zollern

Im September 2016 war es endlich soweit: „Nach Abschluss der Sanierung ist die Maschinenhalle wieder täglich für unsere Besucher geöffnet“, meldete das LWL-Industriemuseum und machte der Öffentlichkeit nach jahrelanger Schließung die Maschinenhalle auf der Zeche Zollern, einer der 25 Ankerpunkte der Route der Industriekultur und Ankerpunkt der European Route of Industrial Heritage (ERIH) in der Metropole Ruhr, wieder zugänglich. Wir besuchen heute diese Ikone der Industriekultur im Emscher Landschaftspark und machen uns auf nach Dortmund-Bövinghausen, wo sich der Standort Zeche Zollern des LWL-Industriemuseums befindet. Bei strahlendem Wintersonnenschein betreten wir das Museumsgelände und stehen in dem großen Prachthof von Zollern. Die Zeche erinnert mit ihrer symmetrischen Komposition, den strengen Wegachsen, der Baumallee als Prunkstraße vom Haupteingang zur historischen Zechenverwaltung und den malerischen Backsteingebäuden wie der Alten Lohnhalle mit ihren Zwiebeltürmen oder der Alten Werkstatt mit ihrer kunstvoll verzierten Giebelfassade mehr an ein Schloss als an ein Bergwerk. Wir schlendern gemütlich über den Hof, vorbei an den Rasenflächen und Sitzbänken, und sehen uns nach dem Schmuckstück der Anlage um: der Maschinenhalle.

Eingang Maschinenhalle LWL-Industriemuseum Zeche Zollern

Eingang Maschinenhalle LWL-Industriemuseum Zeche Zollern

Die Halle befindet sich in der hinteren Hälfte des Geländes, sozusagen in Verlängerung der Alten Verwaltung, und wird von den beiden historischen Fördergerüsten flankiert. Bevor wir die wenigen Stufen der prächtig eingefassten Rundtreppe hinaufsteigen, um über die Flügeltür ins Innere der Halle zu gelangen, halten wir kurz inne, um das kunstvolle, ovale Jugendstil-Portal mit seiner bunten Verglasung zu bestaunen. Die Sonne scheint direkt auf das Glas, ihre Strahlen brechen sich darin und bringen es zum Leuchten. Ein wirklich wunderschöner Anblick! Als wir die Halle betreten, breitet sich vor uns ein warmer Lichtteppich aus. Hell und luftig wirkt die Konstruktion der Maschinenhalle, die an allen Seiten große, zum Teil farbig verzierte Fenster aufweist. Insgesamt erscheint die Architektur der Halle sehr großzügig geschnitten, ihre Maschinen wirken zum Teil wie kunstvoll drapierte Dekorationselemente. Unser erster Blick fällt direkt auf die elektrische Schalttafel aus Marmor gegenüber des Jugendstil-Portals, über der eine prachtvoll gestaltete Jugendstil-Uhr hängt. Das harmonisch arrangierte Ensemble illustriert eindrucksvoll die Elektrifizierung des Bergwerks, denn die Zeche Zollern war die erste Zeche im Ruhrgebiet, die voll elektronisch betrieben wurde. Die Fördermaschine von Zollern war sogar die erste elektrisch betriebene Hauptschacht-Fördermaschine in ganz Europa.

Schalttafel Maschinenhalle LWL-Industriemuseum Zeche Zollern

Schalttafel Maschinenhalle LWL-Industriemuseum Zeche Zollern

Vor der imposanten Schalttafel treffen wir Jana Golombek, Wissenschaftliche Referentin für Bergbau am LWL-Industriemuseum, die sich mit uns hier netterweise verabredet hat, um uns direkt vor Ort die besondere Stellung der Zeche Zollern, ihrer Maschinenhalle und deren Rolle für die Industriekultur in der Metropole Ruhr zu erklären.

Drei Fragen an Jana Golombek, Wissenschaftliche Referentin für Bergbau, LWL-Industriemuseum

1. Die Zeche Zollern galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Musterzeche der Gelsenkirchener Bergwerks-AG (GBAG), der damals größten deutschen Bergwerksgesellschaft. Was macht eine Musterzeche aus?
Der Begriff „Musterzeche“ ist in dem Sinne zu verstehen, dass die Zeche Zollern einen gewissen Vorbildcharakter hatte. Denn es ging den großen Bergbaugesellschaften damals natürlich auch darum, sich hervor zu tun. Das sieht man heute noch insbesondere an der Architektur von Zollern, die ja mit ihrem Prachthof in der Mitte und der Komposition der Werks- und Verwaltungshallen drum herum sehr aufwendig gestaltet ist. Die GBAG hatte damals Paul Knobbe als Architekten angestellt, der diesen gesamten Komplex auch gebaut hat. Hier sind nicht einfach Gebäude durcheinander gewürfelt errichtet worden, sondern die Zeche ist ein Bauensemble aus einem Guss, architektonisch komplett durchgestaltet, um sich von anderen Bergwerken deutlich abzusetzen und so die Stellung der GBAG hervorzuheben und zu unterstreichen. Wobei die Zeche Zollern keine Großzeche war, also nicht eine der produktivsten Zechen, sondern vielmehr ein Prestigeobjekt, das vor allem repräsentative Zwecke erfüllte.

Innenraum Maschinenhalle LWL-Industriemuseum Zeche Zollern

Innenraum Maschinenhalle LWL-Industriemuseum Zeche Zollern

2. Als Schmuckstück der Zeche Zollern gilt die Maschinenhalle, die nach jahrelanger Sanierung vor kurzem wieder für das Publikum geöffnet worden ist. Was ist das Besondere an dieser Halle? Welche Bedeutung hat sie?
Die Maschinenhalle sollte wie auch die übrigen Gebäude der Musterzeche vor allem zu Repräsentationszwecken errichtet werden. Zunächst sollte sie ebenfalls von Paul Knobbe gebaut werden, doch dann hat man sich statt dessen für einen Entwurf von Bruno Möhring entschieden, der an die Architektur der Gutehoffnungshütte (GHH) in Oberhausen angelehnt war, einer großen Stahlkonstruktion, die die Architektur der Zeit widerspiegelte und damit viel moderner war als der Backsteinbau. Das Stahlfachwerk, das man hier in der Maschinenhalle sieht, war sehr innovativ für die Zeit, vor allem in Verbindung mit der künstlerischen Ausgestaltung. Das sieht man insbesondere an den hochwertigen Elementen, beispielsweise hier vorne an der Jugendstil-Uhr über der Schalttafel, das ist wirklich ein ganz tolles Objekt. Und was die Maschinenhalle vor allem ausmacht, ist natürlich ihr wunderbares Jugendstil-Portal hinter uns. Das ist wirklich einzigartig in der Region und sogar in ganz Europa. Daran sieht man besonders deutlich, dass es sich hier nicht nur um eine funktionale Maschinenhalle handelt, sondern um ein Gebäude, das zu Repräsentationszwecken erbaut wurde.

Maschinenhalle und Förderturm LWL-Industriemuseum Zeche Zollern

Maschinenhalle und Förderturm LWL-Industriemuseum Zeche Zollern

Für die Industriekultur und die Industriedenkmalpflege im Emscher Landschaftspark und in der Metropole Ruhr hat die Maschinenhalle noch eine ganz andere, wichtige Bedeutung: Als die Kohlenförderung hier auf Zollern 1955 eingestellt wurde, also schon sehr früh, noch vor der großen Bergbaukrise von 1958/1959, und 1966 auch der Personenförderungsbetrieb eingestellt wurde, stellte sich die Frage, was mit den Zechengebäuden passieren sollte. In den folgenden Jahren begann dann die Demontage der Zeche, das Fördergerüst über Schacht II wurde zum Beispiel demontiert, und es war abzusehen, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis von der Anlage nichts mehr übrig sein würde. Eine kleine Gruppe, die u.a. aus Künstlern und Architekten bestand, allen voran die Fotografen Bernd und Hilla Becher, der Architekt Hans Paul Koellmann sowie Karl Ruhrberg und Jürgen Harten von der Kunsthalle Düsseldorf, engagierte sich daraufhin sehr stark für eine Rettung der Maschinenhalle und schickte 1969 einen Brandbrief an den damaligen Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, mit der dringenden Bitte, das Bauwerk zu erhalten. Am 30.12.1969 wurde die Maschinenhalle dann tatsächlich unter Denkmalsschutz gestellt und war damit das erste technische Gebäude, das unter diesen Schutz gestellt wurde. Die Anlage der Zeche Zollern war also gerettet und der Startschuss für die Technische Denkmalpflege gefallen. Somit darf man die Rolle und Bedeutung der Maschinenhalle für die Region wirklich nicht unterschätzen, denn mit ihrer Rettung wurde letztendlich der Grundstein für die Industriedenkmalpflege und die Industriekultur in der Metropole Ruhr gelegt.

3. Welchen Anspruch hat das LWL-Industriemuseum in Bezug auf die Industriekultur hier in der Metropole Ruhr?
Der Anspruch des LWL-Industriemuseums ist natürlich zum einen, Originalstandorte zu erhalten und zum anderen, die Geschichte der Region an den authentischen Orten der Arbeit aufzuarbeiten und zu zeigen. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei vor allem auf der Sozialgeschichte, also auf der Alltagsgeschichte der Arbeiter. Das LWL-Industriemuseum und seine 8 Standorte sind Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre entstanden und damit in der Zeit, als es in der Museumslandschaft zum „Social Turn“ kam, also zum Turn hin zur Sozialgeschichte. Das Industriemuseum wurde daher dem damaligen „State of the Art“ entsprechend so aufgebaut, auch die Geschichten der Menschen zu erzählen, die hier gearbeitet haben. Und auch heute ist es immer noch wichtig, diese Geschichten zu erzählen, daher ist der Bereich „Oral History“ ein sehr wichtiger Aspekt im LWL-Industriemuseum. Es gibt hier einen riesigen, spannenden Interviewbestand, da gleich von Anfang an ehemalige Arbeiter befragt worden sind, die zum Teil längst nicht mehr leben, um deren Erinnerungen festzuhalten. Die Interviews sind daher ein ganz wichtiger Bestandteil der Museumsarbeit, der Forschung am Museum, bei der verschiedene Wissenschaftler die Geschichte der Region aufarbeiten, kritisch ergründen und erforschen, damit die Geschichten weiter erzählt und in einen aktuellen Bezug gesetzt werden, um Stillstand und Verharren in einer verklärten Nostalgie zu verhindern. Das Museum ist ja nicht nur ein Ort der Rückschau, sondern auch ein Ort der Forschung und der kritischen Auseinandersetzung. Da muss man thematisch natürlich auch mit der Zeit gehen. 2018 ist hier am Standort Zeche Zollern zum Beispiel ein großes Ausstellungsprojekt mit dem Arbeitstitel „RevierGestalten“ geplant, das auf ausgesuchte Menschen und Orte verweist und exemplarisch zeigt, was im Ruhrgebiet an welchen Orten passiert ist, und wie Menschen, die hier im Revier leben, die Region gestalten. Hier werden also die Stimmen der Nachfahren präsentiert, den Nachkommen der Arbeiter. Mit ihnen wurden ebenfalls Interviews geführt, in denen nach ihrer Sichtweise auf den Bergbau, auf die Region gefragt worden ist, wie wichtig das Thema für sie mittlerweile noch ist, was ihnen die Region mittlerweile bedeutet. Die Ergebnisse werden in der Ausstellung zusammen mit dem Thema Industriedenkmalpflege und Arbeiter- und Bürgerinitiativen zum Erhalt von Industriedenkmälern präsentiert. Das ist sozusagen unser Beitrag vom LWL-Industriemuseum im historischen Jahr 2018, in dem das letzte Bergwerk im Ruhrgebiet schließen wird.