Metropoleruhr
Emscherlandschafts Park
Besuch im Nordstern-Museum Gelsenkirchen

Besuch im Nordstern-Museum Gelsenkirchen

Im Nordstern-Museum in Gelsenkirchen erleben wir heute Kunst, Kultur und Panorama! Wir lassen uns durch die Multimedia-Ausstellung „Wandel is immer“ führen und lernen dabei allerhand über die spannende Industriegeschichte und den fortlaufenden Strukturwandel der ehemaligen Steinkohlenzeche Nordstern in unserem Emscher Landschaftspark.

Während der vergangenen drei Jahrzehnte ist die Mitte des 19.Jahrhunderts entstandene Zeche Nordstern in Gelsenkirchen immer wieder Schauplatz anhaltender Weiterentwicklung gewesen. Von der größten und nördlichsten Steinkohlenzeche im rheinisch-westfälischen Industriegebiet,  über eine riesige Industriebrache, bis hin zum attraktiven Landschaftspark als Projekt der Internationalen Bauausstellung Emscher Park (IBA), ist das Nordstern Gelände heute ein historisches Zeugnis der Kulturindustrie des Ruhrgebiets.

An diesem nebeligen Herbstwochenende ragt der Nordsternturm mit seinen rotbraunen Ziegeln und der oberen Glasausfachung hoch vor uns auf. Genau das richtige Wetter für einen Museumsbesuch! Wir lassen uns die wechselvolle Geschichte des Nordstern Industriegeländes von Kunsthistoriker Thomas Buchardt im Rahmen der Multimedia-Ausstellung „Wandel is immer“ näher erklären und erfahren allerhand Wissenswertes über die Architektur und das Leben während und nach dem Bergbau im Ruhrgebiet.

Außenansicht des Nordsternturms und der Herkules Skulptur

Außenansicht des Nordsternturms und der Herkules Skulptur

Dafür begeben wir uns erst einmal hinaus, um den Nordsternturm von außen zu betrachten. Im Turmkopf befindet sich seit Anfang der 1950er Jahre eine seltene Förderanlage. Der von dem Industriearchitekten Fritz Schupp grunderneuerte Förderturm ist heute Wahrzeichen des ehemaligen Zechenensembles um die Schächte 1 und 2 und der imposanten Fördertechnik aus den Zeiten der Steinkohlegewinnung. Deutlich vom Bestand des historischen Schupp-Denkmals abgesetzt durch eine Fuge, wurde der Nordsternturm 2009 noch um vier gläserne Etagen aufgestockt. Insgesamt zählt das Bauwerk heute 18 Etagen, von denen die Etagen 5 bis 11 vom Nordstern-Museum genutzt werden. Die dort stattfindende Multimedia-Ausstellung „Wandel is immer“ greift die Standortentwicklung der einstigen Zeche Nordstern auf und präsentiert uns auf sechs Ebenen eine Kombination aus historischen Dokumenten und zeitgenössischen, künstlerischen Positionen zu dem Thema Infrastruktur, Bergbau und Alltagsleben im Ruhrgebiet. Das angrenzende, umgebaute Kesselhaus ist heute Firmenzentrale des Investors VIVAWEST und immer noch ein lebhafter Wirtschaftsschauplatz. Ende 2003 zog die VIVAWEST-Vorgängergesellschaft THS mitten hinein in das symbolträchtige Herzstück um den Nordsternturm und das Fördergerüst des Schachtes 1, um Wohn-, Arbeits- und kulturelle Freizeitangebote im Ruhrgebiet finanziell zu unterstützen. Hier können wir noch echte Bergbauarchitektur bewundern, denn das Kesselhaus und das hinter uns liegende, zum Bürokomplex umgebaute Zechengebäude mit massiver  Stahlverkleidung (ebenfalls von Fritz Schupp erbaut) dienten mit ihrer Industriearchitektur als Testvorgänger des Kesselhauses auf der Zeche Zollverein in Essen. Bevor wir wieder zurück in den warmen Nordsternturm gehen, erspähen wir noch einen Blickfang links von uns. Hinter den Fenstern eines weiteren Büroanbaus von VIVAWEST erstreckt sich das „Chamäleon“, eine mehrteilige Raum-Wand-Lichtinstallation des Künstlers Paul Schwer, die mit bunten Leuchtfeldern Assoziationen zu Zechen Förderbändern und Ziegelfassaden wecken soll. Die Lichtelemente reagieren auf Bewegung und wachsen beim Vorbeigehen scheinbar aus dem Boden heraus, sodass die bunten Farbpigmente quer über die Wandfläche verlaufen und sich schließlich überkreuzen.

Blick von der Besucherterrasse auf die Nordstern Parklandschaft

Blick von der Besucherterrasse auf die Nordstern Parklandschaft

Wieder im Inneren des Nordsternturms angelangt,  fahren wir mit dem Aufzug nach oben zur Besucherterrasse auf Ebene 18. In rund 83 Metern Höhe offenbart sich uns hier oben an der eisig frischen Winterluft eine faszinierende Aussicht auf die Nordstern Parklandschaft und die Stadt Gelsenkirchen. Das gesamte Parkgelände Nordstern umfasst die nördlichen Teile des Flusses Emscher, eine schmale Landzunge zwischen Emscher und dem dazu parallel verlaufenden Rhein-Herne-Kanal, sowie das Gebiet südlich davon. Hier wurde ein Gewerbe- und Landschaftspark gestaltet, nach dessen Konzept alte Zechengebäude, Halden und verschiedene Industrierelikte integriert wurden. Im Jahre 1997 fand hier die Bundesgartenschau statt, in dessen Zuge eine Menge Erde hin und her bewegt wurde. Übrig geblieben sind davon noch große Beetabschnitte der Themengärten, die erst im Frühjahr wieder blühen und ein 63 Meter langer Bergbaustollen, der zwischen April und Oktober zugänglich für die Öffentlichkeit und mit Exponaten aus der Welt des Bergbaus bestückt ist. Außerdem entdecken wir neben stählernen Fachwerkbrücken, auch die rote Doppelbogenbrücke, die der renommierte Ingenieur Stefan Polónyi entworfen hat. Die Besonderheit an der Konstruktion ist, dass die Bögen diagonal-asymmetrisch versetzt stehen und an überdimensionale Rohrleitungen erinnern. Unser Blick fällt auch auf das Amphitheater, das sich als halbkreisförmige Landmarke in die Nordstern Parklandschaft schmiegt und Platz für bis zu 6100 Zuschauer und Zuschauerinnen bietet. Wo einst die Kohlefrachter beladen wurden, befindet sich die spektakuläre Freilichtbühne gegenwärtig mitten im Wasser auf dem Rhein-Herne-Kanal. Bei schönem Wetter ziehen im Hintergrund leise die Schiffe vorbei während Theaterfans Shows und Veranstaltungen genießen können. Ein Haldendurchstrich und die pyramidenförmige Aussichtsplattform ermöglichen im Park selber den freien Blick auf die imposante Industriekulisse, zu der auch die Überreste eines Kühlturms, sowie das Pumpwerk und die Mischanlage der ehemaligen Kokerei Nordstern gehören. Diese wurde 1915 auf Zeche Nordstern in Betrieb genommen und wandelte die zur damaligen Zeit begehrte Fettkohle in Koks für Kriegszwecke um.

Beim Rundgang über die Besucherterrasse stellen wir mit einem Blick nach oben fest, dass wir uns direkt zu Füßen des „Herkules von Gelsenkirchen“, dem 18 Meter hohen Kunstwerk von Markus Lüpertz in Form des antiken Helden Herkules, befinden. Die neoexpressionistische Skulptur macht das Nordsternparkgelände weithin sichtbar, soll trotz klassischen Ursprungs einen Bezug zur Gegenwart herstellen und fordert zur kritischen Reflexion moderner Schönheitsideale auf. Während Keule und Löwenfell auf die antike Überlieferung hinweisen, verkörpert die grob modellierte Herkules Figur außerdem das Vermögen ungeheure Aufgaben zu bewältigen und steht damit als Symbol für den allumfassenden Strukturwandel im Ruhrgebiet. Einerseits werden somit die Leistungen aus der industriellen Vergangenheit des Ortes thematisiert, andererseits werden die wirtschaftliche Neuausrichtung und die wachsende Fokussierung auf Kunst-, Kultur- und Bildungsbereiche im Ballungsgebiet der Ruhrmetropole aufgegriffen.

Führungsleiter Herr Buchardt erklärt uns die Treibscheibe im Nordsternturm

Führungsleiter Herr Buchardt erklärt uns die Treibscheibe im Nordsternturm

Nun geht es für uns runter auf Ebene 11, wo wir einer gigantischen Stahldrehscheibe gegenüber stehen. Diese entpuppt sich als motorbetriebene Treibscheibe, die zur aktiven Zechenzeit die Förderkörbe für Kohle den Schacht hinauf und hinab ließ. Bedient wurde das Ganze über einen großen, gelben Schaltknüppel vom Fördermaschinist. Wir erhalten noch genauere Details von Herrn Buchardt zu den Funktionen der einzelnen Fördermaschinen im Nordsternturm und den damit verbundenen Aufgabenbereichen der Bergmänner. Dabei lernen wir, dass der erste Nordstern-Schacht im Jahre 1866 abgeteuft wurde und man zwei Jahre später mit der Kohleförderung begann. In den darauffolgenden Jahren starteten die Arbeiten dann auch in einem 597 Meter tiefen zweiten Schacht. Hier am höchsten Förderpunkt wird uns bewusst, wie grenzenlos das Vertrauen der Untertagearbeiter zueinander gewesen sein muss, denn über hunderte von Metern und verschiedene Ebenen mussten so korrekte Anweisungen und Handgriffe erfolgen, dass man blind miteinander arbeiten und Kohle befördern konnte. Ein falscher Handgriff konnte die tonnenschweren Körbe zum Absturz bringen und Leben kosten. Eine Bildschirmanimation veranschaulicht uns noch einmal den genauen Vorgang der Kohleförderung, sodass für uns die mechanischen Vorgänge noch verständlicher werden. Im Verlauf der Jahre bewiesen sich Zeche und die später entstandene Kokerei als Hauptförderstandort für 1,6 Mio. Tonnen Kohle jährlich. Nach Stilllegung der Zeche Nordstern wurden die verbliebenen Tagesanlagen 1995 schließlich unter Denkmalschutz gestellt. Noch im selben Jahr fanden im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Emscher Park (IBA) Entwurfsseminare für die Umgestaltung der Zeche Nordstern statt. Ziel war und ist es, die herausragende Zechenarchitektur so zu erhalten und zu gestalten, dass sie für gewerbliche, kulturelle und private Zwecke genutzt werden kann.

Bodenprojektion der Zeche Nordstern

Bodenprojektion der Zeche Nordstern

Den besten Beweis für das Gelingen dieses Projekts liefern uns die nächsten drei Turmebenen des Museums, die wir von oben nach unten durchlaufen und über kurze, stählerne Treppen erreichen. Wir sind beeindruckt von der abwechslungsreichen Multimedia-Ausstellung, die uns direkt mit zahlreichen Fernsehausschnitten auf großen Leinwänden und Nordstern-Fotomaterial aus den vergangenen Jahrzenten empfängt. Während ein Filmausschnitt aus der Dokumentation „Requiem auf eine Zeche“ (1993) von den letzten Momenten vor der Zechenstilllegung handelt, zeigt uns der nächste Bildschirm die Verabschiedung der Bergleute durch deutsche Politiker*innen. Über Kopfhörer können wir uns echte Zeitzeugenberichte aus dem Alltag ehemaliger Zechenmitarbeiter anhören und auf Monitoren ergreifende Interviews verfolgen, bei denen Untertagekumpels von Bergbauunglücken und einer bedingungslosen Kameradschaft erzählen. Die einzelnen Museumsebenen tragen zudem rot leuchtende Überschriften, wie beispielsweise „Revier“ oder „Zuwanderung und Integration“, die nach dem jeweiligen Treppenabschnitt ins Blickfeld treten und damit die unterschiedlichen Themenbereiche der Ausstellungsräume voneinander abgrenzen. Je weiter wir uns nach unten bewegen, desto näher kommen wir der Jetztzeit und dem aktuellen Geschehen auf der Industriebrache Nordstern. An den Wänden der fünften Ebene finden wir die verschiedensten Objekte von Ruhrgebietskünstlern, die damit ihre Verbindungen zum Bergbauleben in Gelsenkirchen und Eindrücke vom Nordsternareal zum Ausdruck bringen wollten. Neben witzigen Denkmal-Cartoons, kunstvollen Bodenprojektionen der damaligen Zechenlandschaft und einem Wand-Liedtext zum alljährlich beleuchteten Weihnachtsbaum auf dem Nordsterngelände, besteht hier noch zum Abschluss die einmalige Chance ein Foto mit der Herkules Statue in Kleinformat zu machen.

Nach unserem Besuch im Nordsternturm wird uns bewusst, dass dieser mit seiner erhaltenen Förderanlage nicht nur einen seltenen Repräsentant der Bergbauarchitektur der Nachkriegszeit darstellt, sondern gleichzeitig Kulisse für eine künstlerische Ausstellung über das Industriegelände und die Etappen seiner Veränderung ist. Als Exponat der Industriekultur im Ruhrgebiet ist der Nordsternturm Herzstück des ehemaligen Zechengeländes im Süden Gelsenkirchens. Bei der Multimedia-Ausstellung „Wandel is immer“ im Nordstern-Museum werden historische Dokumente, Zeugnisse des Wandels und aktuelle Kunst auf beeindruckende Weise vor der altindustriellen Fördermaschinerie inszeniert. Als einer der sieben „Hochpunkte“ in der Metropole Ruhr, halten der Nordsternturm und das umliegende Nordsternparkareal eine ganze Reihe Attraktionen und Freizeitangebote für Besucher und Besucherinnen bereit. Neben Kinderspielplätzen, dem erlebnispädagogischen „Ziegenmichelhof“, zwei Beachvolleyballfeldern und ausgewiesenen Radstrecken, laden regelmäßige Großveranstaltungen, wie der VIVAWEST-Marathon, die ExtraSchicht (Nacht der Industriekultur) und Musik Open-Air Konzerte zu Tagen voller Action, Kulturgeschichte und Erholung im Grünen ein.