Metropoleruhr
Emscherlandschafts Park
Grüne Hauptstadt Europas 2017: Mühlenemscher-Safari in Essen

Grüne Hauptstadt Europas 2017: Mühlenemscher-Safari in Essen

Die Stadt Essen in der Metropole Ruhr ist 2017 Grüne Hauptstadt Europas. Die Europäische Kommission verleiht diesen Titel jährlich an eine europäische Stadt, die nachweislich in besonderer Weise Umweltschutz und wirtschaftliches Wachstum verbindet, dabei bereits hohe Umweltstandards erreicht hat und für eine verbesserte Lebensqualität ihrer Bürgerinnen und Bürger fortlaufend weitere Maßnahmen im Bereich Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung umsetzt. Eines der fünf großen Themenfelder der Grünen Hauptstadt Europas Essen heißt „Meine Flüsse“. Dieser Bereich beschäftigt sich mit den Landschaften an den Flüssen Emscher im Norden und Ruhr im Süden und macht auf damit verbundene Projekte aufmerksam. Eines dieser Projekte ist der Emscherumbau, der eine große Bedeutung für den Emscher Landschaftspark und das Neue Emschertal hat. Im Zuge des Emscherumbaus werden Abwasserkanäle errichtet, um das alte System der offenen Abwasserableitungen abzulösen und die Emscher und ihre Nebenflüssen durch Maßnahmen der Renaturierung wieder in saubere, lebendige Gewässer zu verwandeln.

Grüne Hauptstadt Europas 2017 Essen Mühlenemscher-Safari Alte Emscher Essen/Gelsenkirchen

Grüne Hauptstadt Europas 2017 Essen
Mühlenemscher-Safari
Alte Emscher
Essen/Gelsenkirchen

An der Grenze zwischen Essen-Karnap und Gelsenkirchen-Horst fließt die Alte Emscher, auch Mühlenemscher genannt, die 1,3 km lang ist und früher als Abwasserkanal diente. Mittlerweile ist sie umgestaltet und renaturiert worden und bietet nun mit sauberem Wasser einer Vielzahl von Tieren und Pflanzen im Emscher Landschaftspark neuen Lebensraum. Und genau diesen wollen wir heute genauer unter die Lupe nehmen: Wir gehen nämlich auf Mühlenemscher-Safari! Die Mühlenemscher-Safari ist ein Bürgerprojekt im Rahmen der Grünen Hauptstadt Europas 2017, das der Geschichtskreis Carnap organisiert, um auf den landschaftlichen Wandel an der Mühlenemscher aufmerksam zu machen, der exemplarisch für den Emscherumbau und die Gestaltung des Neuen Emschertals in der Metropole Ruhr steht. Insgesamt stehen fünf Termine auf dem Programm. Wir melden uns direkt zur ersten Mühlenemscher-Safari an mit der Überschrift „Neues Leben an der Mühlenemscher – Tiere und Pflanzen entdecken“. Die Entdeckungstour leitet Birgit Ehses, Naturführerin und Expertin für die Industrienatur im Emscher Landschaftspark und in der Metropole Ruhr. Bei strahlendem Sonnenschein und blauem Frühlingshimmel machen wir uns auf nach Essen-Karnap zum Treffpunkt an der Kreuzung In der Mark/Mühlenemscherweg. Dort warten bereits Naturführerin Birgit Ehses und Bettina von der Höh, Ideengeberin der Mühlenemscher-Safari vom Geschichtskreis Carnap, um unsere Gruppe freundlich in Empfang zu nehmen. Rund 15 Safariteilnehmer und -teilnehmerinnen haben sich insgesamt eingefunden und sind gespannt auf die Entdeckungsreise durch die Tier- und Pflanzenwelt entlang der Alten Emscher. Um 15.00 Uhr geht es los. Bevor wir allerdings unsere Expedition über den Mühlenemscherweg starten, einem neu gestalteten Rad- und Wanderweg in der Metropole Ruhr, erzählt uns Birgit Ehses vom Emscherumbau und erklärt uns die Bedeutung dieses wichtigen Landschaftswandels für den Emscher Landschaftspark und das gesamte Ruhrgebiet. Während früher die Flüsse und Bäche in starren Betonbetten stinkende Abwässer mit sich führten, wo kein Leben mehr möglich war, fließen sie nach der Sanierung mit sauberem Wasser in naturnaher Umgebung und bieten neuen Lebensraum für Tiere und Pflanzen, die sich schnell wieder an den Ufern angesiedelt haben. Und was sich hier an der Mühlenemscher, die in ihrem neuen Bachbett durch Regenwasser gespeist wird, genau getan und entwickelt hat, das wollen wir uns heute anschauen.

Grüne Hauptstadt Europas 2017 Essen Mühlenemscher-Safari Alte Emscher Essen/Gelsenkirchen

Grüne Hauptstadt Europas 2017 Essen
Mühlenemscher-Safari
Alte Emscher
Essen/Gelsenkirchen

Wir laufen ein paar Meter den Mühlenemscherweg entlang und bleiben an einer schönen grünen Wiese stehen. Was auf den ersten Blick sehr unspektakulär erscheint, erweist sich auf den zweiten Blick als blühende Oase mit vielen Kräuter- und Heilpflanzen. „Wie viele verschiedene Pflanzensorten wachsen wohl auf dieser Wiese?“ fragt Birgit Ehses und die Antwort ist verblüffend: Zwischen 30 und 40 verschiedene Sorten sind hier auf einem Fleck versammelt, von denen wir uns einige genauer anschauen. Da wäre zum einen das allseits bekannte und beliebte Gänseblümchen, das – wie wir lernen – nicht nur hübsch anzusehen, sondern auch eine wichtige Heilpflanze ist, die häufig in Salben vorkommt und sogar blutstillend ist. Die Blüten sind essbar und wirken als Zutat in einem knackigen Salat sowohl schmackhaft als auch dekorativ. Außerdem finden wir Löwenzahn auf der Wiese, der nicht nur als Pusteblume Spaß macht, sondern darüber hinaus eine Nutzpflanze ist, die aufgrund ihrer Bitterstoffe sehr gesund ist. Sie hat eine harntreibende Wirkung, hilft bei der Entschlackung des Körpers und lässt sich in vielfachen Rezepten für Salate oder Gelees wiederfinden. Auch die Schafgarbe wächst hier, die im Volksmund häufig den klangvollen Namen „Wimper der Venus“ trägt. Sie gilt als krampflösende Heilpflanze mit vielen Mineralstoffen, die häufig in Teezubereitungen zu finden ist und sich ebenfalls vorzüglich als Zutat in unserem knackigen Salat verwenden lässt. Ahornkeimlinge, Storchenschnabel und den persischen Ehrenpreis, der aus dem Kaukasus in die Metropole Ruhr gekommen ist, entdecken wir ebenfalls auf der Wiese, die mit ihrer Vielfalt eine wichtige Nahrungsquelle für Insekten ist.

Grüne Hauptstadt Europas 2017 Essen Mühlenemscher-Safari Alte Emscher Essen/Gelsenkirchen

Grüne Hauptstadt Europas 2017 Essen
Mühlenemscher-Safari
Alte Emscher
Essen/Gelsenkirchen

Wenige Meter weiter finden wir ein weiteres spannendes Kraut am Wegesrand. Wir pflücken vorsichtig ein Blättchen ab, zerreiben es sanft mit den Fingern und machen den Schnuppertest. Ein bekannter würziger, aromatischer Duft steigt uns in die Nase. „Riecht nach Bärlauch“, finden einige von uns, und tatsächlich handelt es sich hierbei um eine feine Gewürzpflanze, die mittlerweile auch von der modernen Kräuterküche wiederentdeckt worden ist. „Das ist die Knoblauchsrauke, auch bekannt als der Knoblauch für arme Leute“, erklärt Birgit Ehses. „Sehr gesund und schmeckt toll im Salat. Außerdem ist sie ein wunderbarer Ersatz für Knoblauch, da sie ähnlich im Geschmack ist, aber man nach dem Verzehr nicht wie beim Knoblauch danach riecht.“ Neben der Knoblauchsrauke wächst die Armenische Brombeere, die ebenfalls von weit her mit in die Metropole Ruhr gebracht worden ist und dicke, süße Früchte hervorbringt. Wir laufen weiter den Mühlenemscherweg entlang zum Wasser und entdecken unterwegs hübsch blühende Traubenhyazinthen und mächtige Silberweiden, die rund 100 Jahre alt und wichtige Nahrungsquellen, Wohn- und Brutstätten für Tiere sind. In der schorfigen Rinde finden viele Insekten ein Heim, im Stamm befinden sich Bruthöhlen von Spechten, in denen die Vögel ihre Eier ablegen.

Grüne Hauptstadt Europas 2017 Essen Mühlenemscher-Safari Alte Emscher Essen/Gelsenkirchen

Grüne Hauptstadt Europas 2017 Essen
Mühlenemscher-Safari
Alte Emscher
Essen/Gelsenkirchen

Hinter den Silberweiden hören wir es bereits plätschern und kurze Zeit später stehen wir am Wasser der Mühlenemscher. Eine große, dicke Hummel nähert sich unserer Gruppe und schwirrt emsig und beschäftigt durch das Schilf am Ufer. „Das ist eine Hummelkönigin“, erklärt uns Birgit Ehses. „Sie überlebt als einzige den Winter, während das Volk stirbt. Jetzt ist sie auf der Suche nach einem neuen Versteck, einem verlassenen Mauseloch oder ähnlichem, in dem sie ihre Eier ablegen und ein neues Volk gründen kann. Hummelköniginnen können übrigens bis zu 6 Jahre alt werden, in seltenen Fällen sogar bis zu 10 Jahren.“ Das Brummen der Hummel wird von lautem Vogelgezwitscher übertönt, das uns bereits seit Beginn unserer Safari begleitet. „Welcher Vogel ruft denn da die ganze Zeit seinen Namen?“ fragt Birgit Ehses, und wir antworten prompt: „Der Kuckuck!“ Aber der ist es nicht. Sondern ein kleiner unscheinbarer Vogel, der als Zugvogel als einer der ersten Mitte bis Ende März aus dem Süden zurückgekehrt ist. Zilp-zalp, zilp-zalp, hören wir es aus den Büschen und Zweigen, ein einfacher Ruf, der dem bräunlich-gelblichen Piepmatz seinen Namen eingebracht hat: Zilpzalp. Der Zilpzalp kommt häufig in Parks und Grünoasen von Städten vor. Und wenn man ihn dort seinen Namen singen hört, weiß man: Es ist endlich Frühling!

Grüne Hauptstadt Europas 2017 Essen Mühlenemscher-Safari Alte Emscher Essen/Gelsenkirchen

Grüne Hauptstadt Europas 2017 Essen
Mühlenemscher-Safari
Alte Emscher
Essen/Gelsenkirchen

Unsere Safari führt uns weiter am Wasserlauf der Mühlenemscher entlang. Unterwegs begegnen wir Zitronenfaltern, Blaumeisen und zutraulichen Rotkehlchen, die über uns im geschützten Geäst sitzen und uns mit ihrem melancholischen Gesang ein Ständchen bringen. An einem kleinen Steg aus großen Steinen machen wir Halt, um das Wasser der Mühlenemscher genauer zu untersuchen. Grüne Wasserlinsen, auch Entengrütze genannt, da sie zu den Leib- und Lieblingsspeisen von Enten gehören, breiten sich über den Bachlauf aus und filtern Schadstoffe aus dem Wasser. Wasserläufer tanzen auf der Oberfläche auf der Suche nach Nahrung, leises Rascheln und leichte Bewegungen im Schilf zeigen uns, dass es hier insgesamt sehr lebendig zugeht. Und auch in der Wasserprobe, die Birgit Ehses mit einem Kescher aus der Alten Emscher entnimmt, wimmelt es von Kleinsttierchen. „Das sind Eintagsfliegenlarven“, erklärt uns Birgit Ehses. Sie zeigt uns ergänzend dazu eine Tafel mit heimischen Tierchen wie Bachflohkrebsen, Spitzschlammschnecken oder Köcherfliegenlarven, deren Vorkommen in der Mühlenemscher ebenfalls denkbar ist. Auch Frösche sind hier denkbar, aber wir begegnen auf der Safari leider keiner einzigen Amphibie. Dafür entdecken wir einen spannenden Bau, bei dem es sich um das Heim von Füchsen handeln könnte, beobachten Kaninchen in der Ferne, treffen einen stolzen Erpel im imposanten Balzkleid mit leuchtendem, glänzendem Kopf, versuchen vergeblich einen Zaunkönig im dichten Geäst auszumachen, fangen eine Feuerwanze, um sie nach ausgiebiger Betrachtung wieder in die Freiheit zu entlassen und machen Bekanntschaft mit einer vorsichtigen Rabenkrähe. „Da vorne sind Eichelhäher“, ruft ein aufmerksamer Safarigast aus unserer Gruppe und tatsächlich huschen zwei der schlauen Rabenvögel am Ufer entlang. Mit ihren blau-weißen Federn und ihren krächzenden Warnrufen werden sie auch häufig als Polizei des Waldes bezeichnet, erklärt uns Birgit Ehses. Sie wird uns an diesem Nachmittag noch so viel erzählen, zeigen und erklären: Dass der Huflattich ein Frühblüher ist, dass der Breitwegerich gegen Schweißfüße hilft, dass es weibliche und männliche Weidenbäume gibt, dass Labkraut auch heute noch bei der Herstellung von Käse genutzt wird und dass Rosen Stacheln und keine Dornen haben und es daher im Märchen eigentlich richtig Stachelröschen statt Dornröschen heißen müsste.

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Mühlenemscher-Safari
Alte Emscher
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Rund zwei Stunden dauert unsere Safari durch den Emscher Landschaftspark, die schließlich an der Laurentiusstraße endet, da der Mühlenemscherweg dort aktuell wegen einer Baustelle gesperrt ist. Wir haben so viel gesehen, so viel erlebt und so viel gelernt. Bettina von der Höh vom Geschichtskreis Carnap, die den Umbau der Mühlenemscher und den Landschaftswandel viele Jahre mit der Kamera dokumentarisch begleitet hat, hat uns alte Fotos von dem ehemaligen Industriegelände gezeigt, auf dem die Mühlenemscher noch im starren, pfeilgeraden Betonbett eingepfercht ist. Vergleicht man diese Bilder mit der heutigen Landschaft, könnte der Unterschied kaum größer sein: Der Emscherumbau und die Renaturierung hat für neues vielfältiges Leben am Wasser in der Grünen Hauptstadt Europas 2017 Essen gesorgt, ebenso wie an vielen anderen Stellen im Emscher Landschaft und in der Metropole Ruhr, denen in den nächsten Jahren noch viele Uferflächen folgen werden.

Uns hat die Mühlenemscher-Safari großen Spaß gemacht, und wir hatten einen wunderbaren Tag im Emscher Landschaftspark. Wer ebenfalls im Rahmen der Grünen Hauptstadt Europas 2017 auf Entdeckungstour an der Alten Emscher in Essen-Karnap gehen möchte, hier die weiteren Safari-Termine:

Samstag, 22.04.2017 / 15-17 Uhr: Sagen und Geschichten rund um die Mühlenemscher

Samstag, 06.05.2017 / 10-12 Uhr: Wildkräuter-Exkursion an der Mühlenemscher

Samstag, 15.07.2017 / 15-17 Uhr: Wildkräuterexkursion an der Mühlenemscher

Freitag, 27.10.2017 /15-17 Uhr: Grüne Vielfalt an der Mühlenemscher – Naturkundlicher Spaziergang

Alle Informationen zu den Mühlenemscher-Safaris findet ihr unter www.karnap.info