Metropoleruhr
Emscherlandschafts Park
„Arbeiten im Park“: Gewerbepark Zeche Waltrop und Halde Brockenscheidt

„Arbeiten im Park“: Gewerbepark Zeche Waltrop und Halde Brockenscheidt

Welcher Rohstoff war rund 150 Jahre lang untrennbar mit dem Ruhrgebiet verbunden? Na klar, die Steinkohle! Schließlich haben wir es dem „schwarzen Gold“ zu verdanken, dass die Region im Zuge der industriellen Revolution wirtschaftlichen Aufschwung und Wohlstand erlebte. Um den Rohstoff an Ort und Stelle weiter zu nutzen und zu verarbeiten, entstanden im 19. Jahrhundert zwischen Ruhr und nördlicher Emscherzone zahlreiche Zechen, Kokereien, Hochöfen und Stahlfabriken, die zu den Herzen und Adern der Städte wurden und mehreren hunderttausend Menschen jahrzehntelang ihren Broterwerb sicherten. Nach ihrer Stilllegung hinterließen die Industrieanlagen nicht nur große Leerstände und Brachflächen, sondern auch viele Menschen ohne Jobs.

Gewerbepark Zeche Waltrop Halde Brockenscheidt Waltrop

Gewerbepark Zeche Waltrop
Halde Brockenscheidt
Waltrop

Neue Orte der Arbeit mussten also her. Platz war schließlich genug da, Gebäude und Infrastruktur waren ebenfalls vorhanden, es fehlten nur noch Konzepte und Ideen für eine neue Nutzung der Industriebrachen. Und genau dafür sorgte unter anderem die Internationale Bauausstellung (IBA) Emscher Park in den 1990er Jahren. Unter dem Leitthema „Arbeiten im Park“ wurden in der Metropole Ruhr an 22 Standorten mitten in der Stadt oder in unmittelbarer Nachbarschaft neue Gründer- und Technologiezentren, Dienstleistungsparks und Gewerbegebiete entwickelt, die Raum für Existenzgründungen, expandierende Unternehmen, Wissenschaft und Forschung bereithielten und so zahlreiche neue Arbeitsplätze schafften. Voraussetzung für diese Neunutzung von Industriebrachen war allerdings ein Grünflächenanteil von rund 50 Prozent. Viele der neuen Gewerbegebiete im Emscher Landschaftspark sind daher alle in öffentliche Parkanlagen eingebettet, die zu Freizeitspaß und Naherholung in der Metropole Ruhr einladen. Achtet mal darauf.

Heute stellen wir euch eines der Paradebeispiele vor, die unter dem Leitbild „Arbeiten im Park“ im Rahmen der IBA Emscher Park entwickelt und realisiert wurden: Den Gewerbepark Zeche Waltrop an der Halde Brockenscheidt in Waltrop.

Grüne Wiesen, saftige Weiden, weite Felder und viel viel Wald. So sah es 1905 in Waltrop aus, als der preußische Staat mitten in dieser bäuerlichen Idylle ein Bergwerk eröffnete. Wie aus

Maschinenhalle Gewerbepark Zeche Waltrop Waltrop

Maschinenhalle
Gewerbepark Zeche Waltrop
Waltrop

einem Guss setzte der Architekt van de Sand Hallen, Kauen, Werkstätten, Lokschuppen, Verwaltung und Schalterhaus der Zeche Waltrop in die Landschaft, deren Giebelbauten aus Backstein stark vom Jugendstil beeinflusst war. Die Zeche war rund 74 Jahre in Betrieb und lange Zeit der größte Arbeitgeber in Waltrop. Im Juni 1979 wurde der Förderbetrieb schließlich eingestellt. Als typisches Bergwerk ihrer Zeit, kurz nach der Jahrhundertwende, hat die Zeche Waltrop aus technik-, architekturgeschichtlicher und städtebaulicher Sicht heute eine große Bedeutung für die Industriekultur. Sie gilt als eine der schönsten Schachtanlagen in der Metropole Ruhr und wurde 1988 unter Denkmalschutz gestellt. Elf Gebäude sind von dem ursprünglichen Bergwerk noch erhalten geblieben. Unter dem Motto „Neue Technik in alten Hallen“ übernahm die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) NRW das Konzept, den Umbau und die Vermarktung für die Umnutzung der historischen Zechenbauten zu einem neuen Ort der Arbeit im Emscher Landschaftspark mit mehr als 40 Unternehmen aus den Branchen Dienstleistungsgewerbe, Einzelhandel und Kreativwirtschaft, eingebettet in die Grünanlage der Halde Brockenscheidt mit ihrer spannenden Industrienatur.

Spurwerkturm Halde Brockenscheidt Waltrop

Spurwerkturm
Halde Brockenscheidt
Waltrop

Mit ihrer Höhe von 14 Metern zählt die Halde Brockenscheidt zu den kleinen Halden der Metropole Ruhr, daher lässt sie sich ohne größere Anstrengung schnell zu Fuß oder mit dem Fahrrad erklimmen. Auf dem Haldentop befindet sich die LandmarkeSpurwerkturm“, die der Künstler Jan Bormann entwickelt hat. Der begehbare Aussichtsturm ist aus 1.000 m Spurlatten des Hertener Bergwerks Ewald errichtet worden, die in den Schächten die Förderkörbe in der Spur hielten. Vom Spurwerkturm der Halde Brockenscheidt, die übrigens direkt an den Emscher Park Radweg angebunden ist und zusammen mit der Halde Schwerin in Castrop-Rauxel und dem Deusenberg in Dortmund ein „Haldendreieck“ im Emscher Landschaftspark bildet, habt ihr einen wunderbaren Panoramablick auf die Industrienatur und das gesamte Gelände des Gewerbeparks Zeche Waltrop mit dem historischen Zechenensemble.

Wie genau es zu der Entstehung dieses neuen Ortes der Arbeit in der Metropole Ruhr gekommen ist, welcher Impuls den Ausschlag zu dieser Entwicklung gab und wie der Weg von der Stilllegung der Zeche bis zum Gewerbepark letztendlich verlaufen ist, hat uns Burkhard Tiessen von der Wirtschaftsförderung der Stadt Waltrop erklärt.

 

5 Fragen an Dipl.-Geograph Burkhard Tiessen, Wirtschaftsförderer der Stadt Waltrop

1) Was war das Besondere an dem Ensemble der Zeche Waltrop, dass es als Industriedenkmal erhalten worden und nicht wie viele andere Übertageanlagen abgerissen worden ist?
Ich glaube, dass es ein großes Glück war, dass die damaligen Entscheider von der Stadt Waltrop, dem Land NRW sowie der LEG die Weitsichtigkeit gezeigt haben, das gesamte Ensemble zu erhalten. Als Teil der IBA Emscher Park hat natürlich vor allem der Geschäftsführer der IBA, Prof. Karl Ganser, das Potenzial erkannt und war maßgeblich an der Erhaltung und nutzungsneutralen Sanierung beteiligt.

2) Wie ist es zur Umnutzung des ehemaligen Zechengeländes gekommen? Wie verlief der Weg von der Stilllegung der Anlage bis zum heutigen Gewerbepark?
Im Jahr 1979 wurde die letzte Kohle in Waltrop gefördert. Danach begann die Demontage von Betriebsteilen, wobei 1988 insgesamt sieben Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wurden. Die Fördertürme wurden demontiert, gleichzeitig wurden die ca. 1.000 m tiefen Schächte verfüllt. 1984 erwarb die LEG NRW die Gesamtfläche einschließlich aller Gebäude von der Ruhrkohle Bergbau AG. Die LEG erhielt den Auftrag, die Errichtung, Baureifmachung, Entwicklung, Erschließung und Vermarktung als Projektträger in enger Abstimmung mit der Stadt Waltrop durchzuführen. 1991 wurde die Zeche Waltrop als ein Projekt in die IBA Emscher Park unter dem Motto „Arbeiten im Park“ aufgenommen. Anschließend wurden die Altgebäude saniert. Ab 1996 begann erst im Altbaubereich, dann auch im Neubaubereich die Ansiedlung von Betrieben, unter anderem das Warenhaus Manufactum. Als letzter Bauabschnitt konnte ab 2003 die ehemalige Kokereifläche der Zeche Waltrop erfolgreich saniert und als Gewerbegebiet erschlossen werden.

3) Was sind Voraussetzungen für Unternehmen, sich im Gewerbepark Zeche Waltrop anzusiedeln? Welche Einschränkungen gibt es?
Unternehmen, die einen Standort auf der Zeche Waltrop anfragen, werden im Rahmen der Wirtschaftsförderung betreut, wobei vorab geprüft wird, ob das Unternehmen planungs- und bauordnungsrechtlich in den Gewerbepark passt. Insbesondere im letzten Bauabschnitt der Kokereifläche macht das Handbuch für die Gestaltung gewisse Vorgaben, die vor allem auf städtebaulichen Qualitäten beruhen.

4) Projekten der IBA unter dem Leitthema „Arbeiten im Park“ wurde eine Einbettung der neuen Gewerbe- und Dienstleistungsparks in einen öffentlichen Park vorgeschrieben. Wie sieht diese Einbettung für den Gewerbepark Zeche Waltrop konkret aus?
Konkret bedeutet dies, dass es gemischte Strukturen gibt, die aufgrund der Grünflächen, der Haldenflächen, des Spurwerkturms und des angrenzenden Zechenwaldes einen Unterschied zu herkömmlichen Gewerbegebieten in der Metropole Ruhr ausmachen. Der Gewerbepark Zeche Waltrop ist nämlich gleichzeitig auch Naherholungsgebiet für Besucherinnen und Besucher sowie Waltroper Bürgerinnen und Bürger. Es gibt eine kleine Gastronomie und einen Industrieplatz, die zum Verweilen einladen. Der Charakter sieht eindeutig vor, dass es keine Abgrenzung zwischen den Unternehmen und dem öffentlichen Raum gibt. Der fließende Übergang ist gewünscht und Teil des Gesamtkonzeptes.

ExtraSchicht – Die Nacht der Industriekultur Gewerbepark Zeche Waltrop Waltrop

ExtraSchicht – Die Nacht der Industriekultur
Gewerbepark Zeche Waltrop
Waltrop

5) Welche Bedeutung hat der Standort Gewerbepark Zeche Waltrop/Halde Brockenscheidt im Emscher Landschaftspark für die Stadt Waltrop und ihre Umgebung heute?
Der Gewerbepark Zeche Waltrop hat inzwischen eine herausragende Bedeutung im östlichen Ruhrgebiet und im Emscher Landschaftspark eingenommen. Als zweitgrößtes zusammenhängendes Zechenensemble nach der Zeche Zollverein in Essen ist dieses Gebiet mittlerweile zu einem Vorzeigeprojekt des Strukturwandels in NRW geworden. Dies zeigt sich immer wieder auch bei Besucherbefragungen, beispielsweise im Rahmen der ExtraSchicht – Die Nacht der Industriekultur, die oft das Ergebnis liefern, dass dieser Standort einer der präferierten Spielorte bei dieser kulturell hochwertigen Veranstaltung ist. Der Imagefaktor darf nicht unterschätzt werden und ist von großer Bedeutung, um auch ein diversifiziertes kulturelles und touristisches Angebot neben dem LWL-Industriemuseum Schiffshebewerk Henrichenburg in Waltrop anbieten zu können.